•  

    März 2021

    Alkoholiker und Pandemie?

    Es ist sehr zäh geworden! Eine Stimmung der Verunsicherung und Ermattung macht sich breit. Beheizte Gastgärten, frühe Sperrstunden, Abstand und Maske sowieso.
    Ausgangsbeschränkung, häusliche Quarantäne, Besuchsverbote, Risikoalter, warnendes Unverständnis, Belastung und Überlastung, Kälte in der Gesellschaft und auch bei den nächsten Angehörigen fremdelt das Leben. Cluster und Hotspots. Arbeiten im Home Office … Nachrichten erzeugen so ein mulmiges Gefühl und das bewirkt, wenn schon nicht Angst, so doch Sorge.
    Einkommensminderung oder gar Job-Verlust sind für viele bedrohlich. Wirtschaftlicher Abschwung – also Krise! Meetings, bei denen die Anonymität preiszugeben ist. In Familien und Freundeskreisen brechen Gräben auf. Wie umgehen mit den eigenen Ängsten, den Depressionen, den Bedrohungen und nicht zuletzt den Ohnmachtsgefühlen? Oder habe ich mir angewöhnt, gut funktionierende Verleugnungsmechanismen mit seelischer Gesundheit gleichzusetzen? Meetings sind ausgefallen und Online-Meetings im Angebot. Solche Meetings vermögen sicher vielen zu helfen, mir nicht, denn ich möchte Nähe verspüren, ich wünsche mir, neben oder gegenüber dem AA-Freund oder der AA-Freundin zu sitzen, ihre körperliche Anwesenheit zu spüren und ihre Aura und Ausstrahlung wahrnehmen zu können. Wie geht es mir mit all dem? Was macht das alles mit mir?
    Und dann die Meldung, ein guter AA-Freund vollzog den Suizid. Was löst dies aus in meinem seelischen Grundgefühl? Geben AA-Programm, Gelassenheitshinweis, Aussagen in Meetings mir Hilfestellung? Und dann der Alkohol. Zwar scheint er weit weg zu sein und ist doch näher als zugegeben, zumindest im alkoholischen Denken.
    Ja nun! Wie mit der Angst leben?
    Corona und die Angst vor Erkrankung! Irgendwo läuft die Pandemie da ständig im Hintergrund meines Kopfs und entzieht wahnsinnig viel Energie, Lebensfreude und Optimismus.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. Januar 2021

  •  

    April 2021

    Nur für heute

    Es gibt in jeder Woche zwei Tage, über die wir uns keine Sorgen machen sollten. Zwei Tage, die wir freihalten sollten von Angst und Bedrückung.

    Einer dieser Tage ist das Gestern mit all seinen Fehlern und Sorgen, geistigen und körperlichen Schmerzen. Das Gestern ist nicht mehr unter unserer Kontrolle! Alles Geld dieser Welt kann das Gestern nicht zurückbringen; wir können keine einzige Tat, die wir getan haben, ungeschehen machen. Wir können nicht ein Wort zurücknehmen, das wir gesagt haben. Das Gestern ist vorbei!

    Der andere Tag, über den wir uns keine Sorgen machen sollten, ist das Morgen mit seinen möglichen Gefahren, Lasten, großen Versprechungen und weniger guten Leistungen. Auch das Morgen haben wir nicht unter unserer sofortigen Kontrolle.

    Morgen wird die Sonne aufgehen, entweder in ihrem vollen Glanz oder hinter einer Wolkenwand. Aber eines steht fest: Sie wird aufgehen! Bis sie aufgeht, sollten wir nicht über das Morgen Sorgen machen, weil morgen noch nicht geboren ist.

    Somit bleibt nur ein Tag übrig: Heute!

    Jeder Mensch kann nur die Schlacht von einem Tag schlagen. Dass wir zusammenbrechen, geschieht nur, wenn du und ich die Last dieser zwei fürchterlichen Ewigkeiten – gestern und morgen – zusammenfügen.

    Es ist nicht die Erfahrung von heute, welche die Menschen verrückt macht; es ist die Reue und Verbitterung über etwas, was im Gestern geschehen ist, oder die Furcht vor dem, was das Morgen wieder bringen wird.

    Heute ist das Morgen, worüber wir uns gestern Sorgen gemacht haben.

    (Faltkarte „Gestern – Heute – Morgen)

    „Nur für heute“ – was für eine Wohltat brachte die Offenbarung dieser drei einfachen Worte einst für mein benebeltes, noch nasses Alkoholikerhirn! „Nur für heute“ – was für eine Wohltat bedeuten diese drei einfachen Worte auch heute, da ich den Weg zur Genesung schon einige 24 Stunden lang beschreiten darf, tagtäglich für mich! Durch die Entdeckung der 24-Stunden-Methode konnte ich die Angst vor dem Gestern und die Furcht vor dem Morgen abbauen – nur für heute. Im Jetzt kann ich heute erkennen, ob ich recht handle und die Ethik meines Handelns dabei miteinschließen.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. Februar 2021

  •  

    Mai 2021

    Gelassenheit

    Wir hüten unseren „Gelassenheitsspruch“, weil er uns ein Licht bringt, das unsere alte und verhängnisvolle Neigung zum Selbstbetrug vertreibt.

    (Wie Bill es sieht 20, Seite 28)

    Es hat lange gedauert, bis ich eine gewisse Gelassenheit in mir gespürt habe. Zu Beginn meiner Trockenheit wollte ich möglichst sofort ebenso gelassen sein wie die langjährig trockenen Freunde, die ich in den Meetings traf. Wie sollte ich das fertigbringen? Was musste ich tun, um diese Ruhe ausstrahlen zu können, die mich in den Meetings umgab?

    „Das Wichtigste ist, das erste Glas stehenzulassen“, sagten die Freunde. Pah, die konnten gut reden …! Ich hatte große Zweifel, dass dieser Satz das große Geheimnis war. Trotzdem dämmerte mir ganz langsam, dass all die Freunde  vielleicht recht haben könnten.

    Ich habe bis jetzt alle täglichen Gläser stehen lassen können und die Gelassenheit hat sich bei mir irgendwie  eingeschlichen. Seitdem ich nicht mehr saufe, sind die ungeduldigen Momente sehr viel weniger geworden. „Gib mir die Gelassenheit – aber bitte sofort“ hat sich aus meinem trockenen Leben weitestgehend verabschiedet.

    Unter anderem ist mir in der Trockenheit auch die Gelassenheit geschenkt worden und ich muss mir und anderen nichts mehr beweisen.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. März 2021