• April 2019

    Die 12 Schritte – der Maßstab unseres Fortschritts

    „Nur der erste Schritt, in dem wir vorbehaltlos zugeben, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind, kann mit absoluter Vollkommenheit vollzogen werden. In den übrigen elf Schritten sind Idealbilder aufgezeigt. Sie geben Ziele an, auf die wir schauen, und sie sind der Maßstab, an dem wir unseren Fortschritt messen.“

    Wie Bill es sieht, S. 189

    Maßstab klingt für mich sehr hart und etwas oberlehrerhaft. Mir gefällt besser: Die 12-Schritte-Meetings erinnern mich daran, was war und wo ich jetzt bin. So hat die Erinnerung für mich nichts Ermahnendes. Im Gegenteil sehe ich im Rückblick eine sehr erfreuliche Erfolgsgeschichte. Vielleicht ist das ja Ansporn für mich, auf meinem Weg weiterzugehen.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. Februar 2019

  • Mai 2019

    Wohin mit meiner Scham?

    „Wenn du dich morgens rasierst, werde dem Mann gegenüber ehrlich, der dir aus dem Spiegel entgegensieht.“

    (Dr. Bob und die Guten Oldtimers, S. 317)

    „Spieglein, Spieglein an der Wand, du bist der Tollste im ganzen Land …“, versuchte ich mir immer wieder einzureden, wenn ich mich morgens, nach einer furchtbar durchzechten und durchlebten Nacht, im Spiegel betrachtete. Was ich jedoch dort sah, war sicherlich nicht der Mensch, der ich sein wollte. Ein Fremder blickte mich an, mit ungesunder Hautfarbe, von Pickeln übersät, und einer Nase, die mein wahres Tun nur noch bestärkte – ja und Augen, blutunterlaufene Augen, die der Spiegel meiner Seele sein sollten. Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sprangen mir jedoch entgegen und ich verstand oft alle, die mit mir nichts mehr zu tun haben wollten, einschließlich meiner Frau. Und doch musste ich hinaus unter Menschen und einen „energiegeladenen“ Macher vortäuschen und lügen und lügen und lügen, so sehr, dass ich es selbst fast glaubte.

    Er gefällt mir heute, der Mann, der mir am Morgen aus dem Spiegel entgegensieht. Es gefällt mir, wie er mit ruhiger Hand seinen Rasierschaum von seinen Wangen schabt, ohne Blutvergießen, und mit ruhigem Blick mich betrachtet. Ich kann ihn annehmen, mit all seinen Eigenschaften, ich kann ehrlich zu mir stehen.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. März 2019

  • Juni 2019

    Zorn und Groll

    Das Buch Anonyme Alkoholiker trifft eine erstaunliche Feststellung:  „Groll ist der Missetäter Nummer eins. Er zerstört mehr Alkoholiker, als es andere Dinge tun.“ Wenn ein Nichtalkoholiker dies liest, mag er denken: „Das stimmt doch sicher so nicht, es ist doch der Alkohol, der die Alkoholiker zerstört.“  Aber das Blaue Buch meint, was es sagt und erklärt auch im nächsten Satz, warum: „Er ist der Ursprung jeder seelischen Erkrankung.“

    (Blaues Buch, S. 74)

    Zorn und Wut können wichtige Teile des Prozesses, der Reise sein, die zur Errichtung und Entdeckung unserer spirituellen Heimat führt. Aber Groll kann diesen Prozess stoppen, die Reise vorzeitig beenden. Groll kennt keine Chance der Befreiung, sondern nur ein Eingeschlossensein in eine quälende Vergangenheit und das allmähliche Ersticken jeder Gelassenheit. Wenn ein Mensch seine Bitterkeit beiseitezuschieben vermag, wird er menschlich.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. April 2019