• Juni 2020

    Sehnsucht – Einsamkeit: Was soll sich ändern?

    Es ist für einen alkoholkranken Trinker eine bis auf den Grund seiner Existenz erschütternde Erfahrung, wenn er sich eingestehen muss, dass er tatsächlich mit seinem Leben gescheitert ist – körperlich, seelisch, geistig, sozial. Da stirbt etwas. Das zu akzeptieren, bedingungslos, mutet AA aber seinen Mitgliedern zu. Wer überleben will, muss kapitulieren, zunächst vor der Flasche, dann aber auch vor seiner bisherigen Lebenskonzeption. Wer trocken bleiben möchte, wird sein Leben von Grund auf ändern müssen.

    Alleinsein heißt nicht Einsamkeit und Einsamkeit heißt nicht Alleinsein!

    In seinem Brief an Bill Wilson erklärt Carl G. Jung, er hätte Rowland H. nicht offenbaren können, wie sehr er selbst davon überzeugt war, wie wesentlich Spiritualität für seine Genesung sei: „Rowlands Drang nach Alkohol war Ausdruck des spirituellen Durstes unseres Wesens nach Ganzheit – auf einer niedrigen Stufe. In der Sprache des Mittelalters: Nach der Einigung mit Gott! […] Die hilfreiche Formel lautet daher: spiritus contra spiritum.“

    Die Ausweitung der Beziehungen auf das soziale Leben über AA hinaus ist nicht zufälliges Nebenprodukt, sondern ein „wichtiger integrativer Teil des Genesungsprozesses“. AA wird Alltag und Lebensform.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. April 2020

  • Juli 2020

    „Leid und Liebe“

    Der Alkoholiker ist wie ein Wirbelsturm, er fegt auf seinem Weg rücksichtslos durch das Leben anderer. Herzen werden gebrochen. Innige Beziehungen gehen in die Brüche. Zuneigungen werden zerstört. Selbstsüchtige und rücksichtslose Gewohnheiten halten das Familienleben in Aufruhr.

    (Anonyme Alkoholiker, S.95)

    Was für eine Wahrnehmung! Ich fühlte mich als trinkender Alkoholiker einer Verschwörung der ganzen Welt gegen mich ausgesetzt, fühlte mich als armes Opfer. Ich zerstörte Bindungen und Beziehungen, stieß Freunde vor den Kopf, war unzuverlässig, unberechenbar, aber immer unschuldig mit einer billigen Ausrede. Erst in der Trockenheit dämmerte es mir – und im Nüchternwerden wurde es mir bewusst – welchen Trümmerhaufen ich in den Herzen so vieler wunderbarer Menschen hinterlassen hatte. Einiges ist nicht mehr zu kitten, aber das meiste wurde mir liebevoll nachgesehen, entschuldigt, verziehen. Dennoch kann ich auch heute noch, nach so vielen Jahren Trockenheit, immer wieder ein Rambo sein, ungeduldig, unbeherrscht und selbstgerecht. Von Liebe oft keine Spur. Das Leiden an mir selber wird mir erhalten bleiben. Ich bin angewiesen auf das Wirken einer Höheren Macht, die mich oft schon mit entschlossener Hand auf den Teppich der Realität zurückholte. So wird mein Alltag zu einem erträglichen Dasein gezimmert, Leid und Liebe als Lehrmeister.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. Mai 2020

  • August 2020

    AA als Religon

    AA ist weder Urheber noch Gründer einer neuen Religion. AA versteht sich auch nicht als Religionsersatz. Wissend, dass AA sich von Anfang an selbst ruinieren würde, wenn sie Agnostiker oder Atheisten von der Teilnahme ausschlösse, einigten sich die ersten Anonymen Alkoholiker auf die Formel: „Gott, wie wir in verstehen.“ In AA wird auch von einer Höheren Macht gesprochen und häufig auch von einer Kraft, die vom Meeting ausgeht und zur Trockenheit verhalf. Ein irriges Klischee betrifft die Spiritualität. Unter „dem Spirituellen“ wird oft nur eine andere Bezeichnung für Religion verstanden.

    Das AA-Programm inklusive des Spirituellen ist kein Programm zur Vervollkommnung, sondern eine Lebensweise, die Unvollkommenheit als solche akzeptiert. Denn wenn Begriffe wie Liebe, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen zusammenklingen mit all der Traurigkeit, Angst, Verzweiflung und Erniedrigung im Leben jedes Alkoholikers, dann ist Spiritualität vielleicht etwas, das auch Alkoholiker für sich beanspruchen können.

    „Gott kommt durch die Wunde“: Der Abstieg in die Tiefen bringt die Erkenntnis, dass man ohne Hilfe verloren ist. Die Spiritualität der Unvollkommenheit ist die Spiritualität der Schwachen und Gebrochenen, sie ist auch die Form der Spiritualität mit starken und großen Leidenschaften, von Menschen mit unsteter Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Es ist eine Spiritualität, die sowohl alltäglich als auch unkonventionell ist.

    Beiträge bitte bis spätestens 10. Juni 2020