In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

April 2019

Monatsthema:
Die 12 Schritte — der Maßstab unseres Fortschritts

Leseprobe

Belehrend und moralisch

Die Redaktion des AA-DACH stellt dem Monatsthema stets einen, wie ich, Eberhard und Alkoholiker, finde, hilfreichen Kommentar zur Seite. Für diesen Denkanstoß bin ich der Redaktion dankbar. Der Kommentar zu diesem Monat machte mich stutzig. Die Zwölf Schritte als Maßstab, aber bitte keine Belehrung! Wenn ich keine Lehre aus der Anwendung eines Maßstabes ziehe, wozu brauche ich ihn dann? Auch habe ich nicht die schlechtesten Erfahrungen mit Belehrungen gemacht, ob sie nun als Empfehlung formuliert waren oder nicht.

Auf meinem Schreibtisch steht noch heute ein Foto meines langjährigen Lieblingslehrers. Unvergessen ist mir die Szene am Ende seiner letzten Unterrichtsstunde vor dem Abitur. Dieser Oberlehrer, ein aristokratischer Typ, immer wie aus dem Ei gepellt, pedantisch und penibel, mit hohen Anforderungen an uns Schüler, packte flink seine Tasche ein, als es zum Stundenende schellte. Dann kamen drei kurze Sätze, die mir bis heute im Gedächtnis sind: „Wir wissen viel, sehr viel sogar. Aber das Wesentliche, das Entscheidende, wissen wir nicht. Deshalb ist die Liebe wichtiger als alles Wissen.“ Das war seine letzte Belehrung, ein Maßstab für mein Leben.

Ein Maßstab dient der Bewertung. Er zeigt mir zum Beispiel am Butterpäckchen an, wie lang das Stück Butter für die 200 Gramm ist, die in den Mürbeteig sollen. Das Fremdwort „Ethik“ leitet sich ab vom griechischen Wort für Pfahl oder Stab. Mit dem Ethos, so das griechische Wort, in welchem das „E“ lang ausgesprochen wird, bemesse und bewerte ich, ob eine Handlung gut oder schlecht ist, ob sie für den Zweck passt oder nicht. An diesem Pfahl kann ich dann mein Handeln festbinden wie der Bauer seine Ziege, damit sie nicht durchgeht.

Es gibt im Griechischen auch das Wort Ethos mit einem kurzen „E“, fast wie „Ä“ gesprochen. Das bedeutet so viel wie Tradition, Sitte, Brauch. Das Wort „Moral“ ist aus dem Lateinischen abgeleitet und meint dasselbe. Im Blauen Buch weisen unsere Gründerväter darauf hin, dass die Zwölf Schritte Empfehlungen sind, die aus den Erfahrungen der ersten Anonymen Alkoholiker gewonnen und zu Lernschritten und Traditionen in AA wurden. Sie haben sich als Ideale bewährt. Sie stellen die AA-Moral dar. Ich hoffe, das waren jetzt nicht zu viele sprachwissenschaftliche Belehrungen.

Das Wort Moral scheint im Deutschen so unbeliebt zu sein wie das Wort Belehrung. Der vierte Schritt heißt im englischen Original: „Wir machten eine furchtlose moralische Inventur in unserem Inneren.“ Vor Jahren erklärte mir eine Freundin vom Literaturteam, ganz bewusst sei bei der Übersetzung ins Deutsche das Wort „gründlich“ statt „moralisch“ gewählt worden. Bei uns gibt es scheinbar zu viel „Moral von der Geschicht“, wie es oft am Ende von belehrenden Fabeln heißt. Aber richtig verstanden, ist meine Moral der Halt für mein Handeln. Dr. Bob fasste die AA-Moral mit den Worten „Trust God – Clean House – Help Others“ zusammen. Im Buddhismus lautet die „goldene Regel“, die sich in allen Religionen findet: „Hilf allen und schade niemandem“, im Christentum: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ob das nun Belehrungen oder Empfehlungen sind, ist für mich zweitrangig, sie helfen mir zu leben. Sie helfen mir, bei meiner Inventur zwischen gut und schlecht, zwischen versagt und gelungen zu unterscheiden.

Die AA-Empfehlungen sind etwas anderes als die Empfehlung des Oberkellners an den Oberlehrer im Speiselokal. Die Empfehlung, zum Dessert den Kosakenzipfel zu wählen, kann ich ohne großen  Schaden ignorieren. Die AA-Empfehlung, ab und zu gründlichen Hausputz in meinem Inneren zu halten, der Höheren Macht zu vertrauen und den Freundinnen und Freunden zu helfen, die noch leiden, ist für mich lebenswichtig. Ohne diesen Maßstab laufe ich Gefahr, das wieder zu verlieren, was die Grundlage meines am rechten Maßstab geprüften guten Lebens ist: meine Nüchternheit.

Eberhard, Bad Breisig

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