In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Mai 2022

Monatsthema:
Hoffnung für jetzt – für später

Leseprobe

Das Prinzip der Hoffnung

Ich gab zu, dass ich gegen den Alkohol machtlos bin und mein Leben aus der Hand gegeben habe. Ich gab das zu – ein ehemaliger Elitesoldat mit größter Willenskraft und ausgeprägter Disziplin. Dass gerade mir das passieren konnte, war an sich undenkbar. Aber da kann man mal sehen, was für eine zerstörende Kraft der Alkohol bei mir hatte. Ich war am Ende meiner Saufzeit völlig am Boden und meine ach so gepriesene Willenskraft war gebrochen. Ich war ein hoffnungsloses menschliches Wrack ohne Perspektive. In einer Entzugsklinik, in der ich nach einem 14-tägigen Koma acht Monate verbrachte, durfte ich einen Freund der Anonymen Alkoholiker kennenlernen. Es keimte Hoffnung in mir auf, dass ich nach einer gewissen Zeit eines Tages wieder in die Gesellschaft aufgenommen werde und ich ein dann normales Leben führen kann – und natürlich auch wieder normal trinken kann. Saufen wollte ich nicht mehr, nur trinken wie andere (Normalverbraucher) auch. Schon nach kurzer Zeit war von dem Hoffnungsschimmer nicht mehr übrig als das obligatorische erste Glas. Es war nur eine kurzfristige Hoffnung, weil ich meinte, dass ich vielleicht der eine von tausend bin, der kontrolliert trinken kann. Ich besuchte wieder regelmäßig die Meetings der Anonymen Alkoholiker und bekam die Gnade, nach meiner Ehrenrunde erneut das erste Glas stehen zu lassen.

Nachdem ich mir diese erneute Niederlage eingestehen durfte, war eine neue Hoffnung vorhanden, die mir ein Leben beschert hat, das so viel besser ist als alles, was ich mir vorgestellt hatte. Ich denke, dass alle Menschen mit einem gewissen Maß an Hoffnung geboren werden, nur hatte ich diese angeborene Hoffnung durch den Weg meines Trinkens und meiner Selbstzerstörung verloren. Das Prinzip der Hoffnung unseres Genesungsprogramms war der Schlüssel, der mich aus der Dunkelheit und der Verzweiflung führte. Ich brauche das Genesungsprogramm unserer Gemeinschaft wirklich, weil während meiner Saufzeit die besten Entscheidungen die schlechtesten Ergebnisse erzielten. Ich hörte in den Meetings, dass es für mich Hoffnung gab, dass es möglich ist, ein Leben zu führen, das jenseits meiner kühnsten Träume war, frei von Angst, wieder saufen zu müssen. Bei den Anonymen Alkoholikern lernte ich Menschen kennen, die mir die Möglichkeit der Hoffnung zeigten und es auch durch ihr Vorleben bewiesen. Je länger ich nüchtern war, desto mehr glaubte ich, dass, wenn diese Freunde es schaffen konnten, ich es vielleicht auch schaffen kann. Durch meine neu gewonnene Nüchternheit hatte ich die Hoffnung, dass ich auf dem richtigen Weg war. Einer der vielen Gründe, warum die Hoffnung ein so wichtiges spirituelles Genesungsprinzip ist, liegt darin, dass das Arbeiten an einer Zukunftsvision zu einer positiven Einstellung werden kann. AA steht für mich für eine geänderte Einstellung im täglichen Leben, die Art und Weise, das Gute zu spüren, das Hoffen auf eine Höhere Kraft, die mir hilft, mein Leben so anzunehmen, wie es kommt.

Meine Hoffnung und mein Vertrauen in eine Höhere Kraft erlauben es mir, mehr Freiheit zu haben. Je mehr ich sehe, wie sich die Hoffnung in meinem Leben verfestigt, desto mehr verhilft sie mir zur Gelegenheit, eine Veränderung an meiner Einstellung vorzunehmen. Die Hoffnung hat in mir eine Leidenschaft und Motivation erweckt, zu sehen, was der Tag für mich bereithält, deshalb wird es nicht langweilig für mich. Durch das Genesungsprogramm habe ich gelernt, Niederlagen und Tiefpunkte zu überwinden, Tod und Trauer anzunehmen und ich habe auch gelernt, mit Freude und Genuss mein Leben zu genießen, durch Hoffnung, Glauben, Vertrauen mein Leben an eine Höhere Kraft abzugeben.

Meine Hoffnung hängt von dieser Höheren Kraft ab, darauf habe ich Vertrauen und ich kann loslassen. Wenn ich möchte, dass die Höhere Kraft mir Türen öffnet und wieder schließt, muss ich halt meine Hand von der Türklinke nehmen. In meinen frühen AA-Jahren hat mich das eher abgeschreckt, aber unser Genesungsprogramm hat mich immer wieder daran erinnert, dass mein Verstand wie ein Fallschirm ist, es kann nicht funktionieren, wenn er sich nicht öffnet. Wie ich schon erwähnt habe, setze ich meine Hoffnung und mein Vertrauen auf die Höhere Kraft, was mir viel Freiheit ermöglicht, aber wiederum nicht bedeuten soll, dass das bei mir immer so war. Ich habe einige schwierige Prüfungen durchgemacht, bei denen der Druck fast zu groß für mich war. Es gab Zeiten, wo ich es allen recht machen wollte und mich um alles kümmern musste. Das ist die perfekte Lösung zum Scheitern. Ich löste mich schließlich davon und fing an, meine Höhere Kraft in meinen Alltag zu integrieren. Das war genau der Zeitpunkt, an dem meine Hoffnung begann, Wurzeln zu schlagen. Wenn sich heute Hindernisse zeigen, dann bitte ich um Zuversicht und Vertrauen und das baut mich dann wieder auf. Hoffnung gibt mir einen Grund, im Leben weiterzumachen und wenn ich an meine Höhere Kraft glaube, bin ich nie ohne Hoffnung, weil ich diesen Glauben habe.

Ich glaube nicht, dass es hoffnungslose Fälle gibt, obwohl ich dachte, ich wäre einer. Ich glaube, dass es außerhalb von AA ein hoffnungsloses Ende gibt, aber innerhalb von AA eine endlose Hoffnung.

Meine Erkenntnis ist, dass das „Prinzip der Hoffnung“ den Glauben und das Vertrauen vermittelt, um mich den vielen Herausforderungen, Hindernissen sowie auch der Freude und den wunderbaren Dingen des Lebens in meiner Genesung zu stellen. In den vielen Meetings meiner über 47-jährigen Nüchternheit habe immer wieder gehört, dass unsere gemeinsame spirituelle Erfahrung anderen hilft, diese Prinzipien zu verstehen, wenn ich dies mit ihnen teile.

Ein guter Freund (Sponsor) sagte einmal zu mir. „Gott gibt dir nicht mehr, als du ertragen kannst … aber er kann dir mehr geben, als du allein bewältigen kannst.“

Mein Wunsch und meine Hoffnung sind, dass möglichst viele ihr Leben mit einem Lächeln wunderbar machen können. Dann werden wir eine neue Freiheit und ein neues Glück kennenlernen.

Dietmar H., Neckarsulm

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