In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Oktober 2019

Monatsthema:
Angst, Schmerz und Selbstmitleid

Leseprobe

Komm, lieber Schmerz, lass mich leiden!

Es gibt in meinem Leben immer wieder Augenblicke, in denen ich, offensichtlich bar jeglicher Vernunft, mir einen Schmerz herbeirede, um das Leben in seinen Höhen und vor allem in seinen Tiefen zu fühlen. Jene Momente, wo ich zumeist in seelischen Verstrickungen mit dieser Welt und ihren Menschen bin. Wenn ich mit vermeintlichen Idioten beisammen bin und letztlich erkennen muss, selber einer der größten Narren von ihnen zu sein, wenn ich wieder einmal mich selber in eine Sackgasse verrannt habe und feststelle, schon wieder eine schöne Zeitspanne für A und F vergeigt zu haben. Das passiert relativ oft. Denn ich bin ein Ruinenbaumeister und ein kreativer Gestalter unzähliger Fragmente. Vieles begonnen, kaum etwas vollendet. Da möchte ich mir dann stets mit einem Hammer selber auf den Kopf schlagen und sagen: „Komm, lieber Schmerz und lass mich erwachen!“
Als klassischer Alkoholiker – will heißen, dass ich selbst nach bald 40 trockenen Jahren noch immer für alkoholische Anwandlungen und Verhaltensformen anfällig bin, also nicht einmal mehr den Alkohol benötige, um trottelhaft zu sein – habe ich nach wie vor die Gabe, in meinen Gedanken, Gefühlen und Handlungen andere Menschen zu provozieren, zu ärgern und manchmal auch zu verletzen. Selbst wenn ich manchmal der Meinung bin, fast schon so etwas wie ein Heiliger zu sein, passiert es mir immer wieder, andere Menschen zu enttäuschen, weil ich zu viel versprochen habe und nicht halten konnte. Das tut weh. Und ich frage mich manchmal, ob ich nicht heimlich so etwas wie ein Masochist bin, weil es immer wieder geschieht.
In der Beziehungskiste habe ich durch mein Trinken zuerst eine wunderschöne Verlobung zerstört, dann zwanzig Jahre später durch mein Erwachen in ein neues Lebensgefühl, das ich unbedingt haben wollte, eine Ehe mit Schmerzen beendet und zuletzt lebe ich eine Partnerschaft, die trotz aller Liebe immer wieder harte Ecken und Kanten hat. Auch wenn ich durch das zunehmende Alter immer nachsichtiger und milder geworden bin, ich bin und bleibe ein Egoist. Und Egoisten haben zu leiden, denn die Welt weigert sich zu Recht, ihnen immer und überall entsprechen zu müssen!

Alles Leben ist Übergang
Zu meiner geistigen Entwicklung muss ich festhalten, dass ich zwar die Matura gut bestanden habe, aber nach der Militärzeit, wo mein Trinken erst so richtig ausbrach, schaffte ich es nicht mehr, ein Studium abzuschließen. Ich ging ins Berufsleben und legte dort quer durch die Jahre eine elegante Säuferkarriere hin, die einzig deshalb nicht in einer Katastrophe endete, weil ich stets Fürsprecher hatte, die das Ärgste verhinderten – ungeachtet meiner Einbildung, ich hätte das alles auf Grund meiner Genialität geschafft … Als genesender Alkoholiker konnte ich zwar nicht mehr mein Studium nachholen, aber ich schaffte es, auf eigene Faust mein Wissen und Können wesenhaft zu vergrößern und zu vertiefen. Als Bibliothekar hatte ich ja unzählige Bücher zur Verfügung, um mich entsprechend weiterzubilden. Das tue ich auch heute noch, die Pension ist kein Grund, mit dem Lernen aufzuhören. Außerdem gibt es Freunde in AA, die mir diesbezüglich ein lebendiges Vorbild sind.
Vaterschaft und der Übergang ins Großvaterdasein haben mich wesenhaft verändert, mein Menschenbild ist durch die Begegnung mit wunderbaren Freunden in AA versöhnlich und liebevoll geworden, seelisch arbeite ich nach wie vor ganz intensiv daran, meinen Lieblingen Dr. Bob und Bill nachzueifern. Das ist in Summe ein wunderbarer Weg, der mich täglich bescheiden und umso glücklicher macht.
Auch wenn ich mich zu Beginn meiner Trockenheit für unverwundbar und unsterblich hielt, so haben doch einige nicht ungefährliche medizinische Eingriffe diesen Irrtum in einem Fall zumindest recht heftig zurechtgerückt. Heute habe ich mit dem Tod schon Frieden geschlossen, lasse ihn aber noch gerne etwas warten …
Der Schmerz war und ist in meinem Leben ungemein wichtig, sonst hätte ich meinen Tiefpunkt nicht gespürt, jenes Leiden an mir selbst, als ich begriff, wie leichtsinnig ich mein Leben durch mein Saufen aufs Spiel gesetzt hatte. Gott hatte Erbarmen und ließ mich überleben …

Demut und Dankbarkeit prägen heute mein Innenleben. Ein spiritueller Hauch durchzieht meine Tage und wie der Herbst, so färbt der Glaube an eine Höhere Macht mein Leben in bunte Gedanken und Gefühle. Es ist schön zu leben. Aber ich durfte lernen und akzeptieren: Alles Dasein ist Übergang. Nichts bleibt, wie es ist. Das ist die philosophische Wunde unseres Menschseins.

Seppo, Baden bei Wien

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