In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Juli 2019

Monatsthema:
Mein krankes Ego

Leseprobe

Das Meeting als spirituelle Atmosphäre

Immer wieder fragte ich mich quer durch die Jahre (Jahrzehnte), was für mich das eigentliche Geheimnis der AA-Meetings darstellt. Es musste ja irgendetwas Besonderes sein, dass ich Woche für Woche zwei Mal oder öfter in ein Meeting ging (und noch immer gehe), um dort etwas zu suchen, was ich für mein Weiterkommen und Wohlbefinden unbedingt benötige, obwohl ich es nie beschreiben konnte, was dieses gewisse Etwas tatsächlich ausmacht!
War es ursprünglich der einzige Wunsch, „trocken zu bleiben“ und später die Hoffnung, „nüchtern auf Dauer zu werden“, so gesellten sich im Laufe der Zeit auch weitere Gedanken dazu, die weit darüber hinaus zielten. Das Wort „Veränderung“ verankerte sich in meinem Kopf und begann wie ein kleines Pflänzchen zu wachsen. Allerdings hatte ich anfangs keine Ahnung, wohin diese Reise gehen sollte oder könnte.
Die Zwölf Schritte hatte ich als Reiseführer angenommen und mich entschieden, nach diesen Vorgaben mein Leben allmählich auszurichten. Was nicht in den Texten von AA stand, das erfuhr und erlebte ich in den Beiträgen der Freunde in den Meetings. Vielfach Themen, die nicht speziell mit der Alkoholkrankheit zu tun hatten und haben. Dennoch waren diese Erfahrungen für mich manchmal lebenswichtig, da ich zuweilen in Zweifeln stand und Schwierigkeiten hatte, gute Entscheidungen zu treffen. Der Wunsch, wieder zu trinken, war allerdings nicht vorhanden, wohl aber die Versuchung, in alte Muster zurückzufallen und die begonnenen Veränderungen abzubrechen.
Dennoch gab es eine geheimnisvolle Kraft, die mich daran hinderte, diese „Rückfälle“ in alte Muster geschehen zu lassen. Ich setzte meine Reise fort, auch wenn ich das Ziel zwischendurch immer wieder aus den Augen verlor. Was war es also, das mich bei der Stange hielt und mich immer wieder zurück in die Meetings führte, welcher „Magnetismus“ zog mich hier so unwiderstehlich an?
Jedes Meeting wird mit der Präambel begonnen und mit dem Verlesen der 12 Schritte fortgesetzt. Dadurch wird ein Rahmen geschaffen, in dem sich die weiteren Beiträge der Meetingsteilnehmer halten sollten. Die Ich-Form der Beiträge verhindert eine Diskussion und vor allem jeglichen Streit über die vorgebrachten Gedanken, Berichte oder Bekenntnisse. Dadurch ist es möglich, dass sich jeder einzelne Teilnehmer seine eigenen Gedanken zum Gehörten machen kann. Eine Freiheit des Geistes sozusagen.
Dieser Rahmen führt zu einem Gruppengefühl von Schicksalsgemeinschaft. Die Alkoholkrankheit als zentrales Ereignis, jedoch plötzlich ein Ausblick auf eine mögliche Genesung, die anfangs mehr als in Frage gestellt wurde. Ich konnte mein Ich endlich von Angst, Scham und Schande loslösen und mich freimachen von Schuldgefühlen und selbstanklagenden Vorwürfen. Die Gruppe gab mir die Kraft, diesen Prozess voranzutreiben und mich endlich wieder als Mensch fühlen zu können und dies auch zu dürfen.
Die 12 Schritte stellen weder eine Verpflichtung dar, noch haben sie therapeutische Bedeutung. Sie sind ein Bericht von Alkoholikern, die trocken und nüchtern geworden sind. In 12 Schritten beschreiben sie, wie sie es geschafft haben. Kein Verbot, kein Muss. Es bleibt mir überlassen, mit diesen Informationen etwas zu machen. Wiederum ein Akt von Freiheit.
Das war und ist das Faszinosum von AA für mich! Ich muss nicht, darf aber alles! Meine negative Weltsicht wandelte sich allmählich in positives Denken und Lebensfreude um. Die Ursache hierfür ist in der spirituellen Atmosphäre von AA zu finden. Ich habe die Freiheit, diese Spiritualität sowohl in Richtung einer Höheren Macht im Sinne eines liebenden Gottes wahrzunehmen als auch in Richtung einer Höheren Kraft, die aus dem Geist der Gruppe kommt. Die positive Sprache und der herzliche Umgang untereinander sind Garanten für diese spirituelle Atmosphäre, die während der Dauer eines Meetings herrscht.
Mein Weg in AA besteht nun auch darin, nicht nur Dienste zu machen, sondern auch darin, für jene Stimmung zu sorgen, die eine spirituelle Atmosphäre aufkommen lässt. Da kommt schon einmal der Humor dazu, das Lachen, die Freude über kleine Erfolge sowie auch das Bewusstsein, dass ich nicht allein mit meinen Schwierigkeiten bin.
Auch wenn sich Spiritualität einer strengen Definition entzieht, weil sie jeder auf seine Weise wahrnimmt und interpretieren kann, so ist sie dennoch für mich das zentrale Ereignis während eines Meetings. Sie wirkt auf mich geistig-seelisch, aber auch körperlich ins Herz herein. Nach einem Meeting stellt sich jedes Mal ein Gefühl der Leichtigkeit ein, ein heiteres Hochgefühl.
Die Transformation meines alten Ichs in ein neues Ich, das seinen Mittelpunkt nicht mehr im Ego sucht, ist ein fantastischer Prozess, für mich geradezu biblisch. Ohne religiösen Schnörkel oder Weihrauch verändert sich mein Denken, mein Fühlen und Wollen.
Diese Veränderung spürte ich am deutlichsten an jenem Tag, als mein Vater einige Jahre vor seinem Tod zu mir sagte: „Jetzt bist du wieder der Sohn, den ich früher so geliebt habe!“.
Wenn ich mit meinen alten AA-Freunden beisammen bin, dann spüre ich einfach jene Wärme des Herzens, die nur Menschen ausstrahlen, die ihre Hölle erfolgreich überwunden haben. Wenn wir uns ansehen, so kommt ein Lächeln in unser Gesicht, geradeso als würde die Sonne aufgehen.
Da ich jetzt weiß, was mir in den Meetings so gut tut, gehe ich noch lieber hin und teile mit meinen Freunden Erfahrung, Kraft und Hoffnung.

Seppo, Baden bei Wien

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