In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Dezember 2018

Monatsthema:
Ist Glück das Ziel?

Leseprobe
Glück ist ein momentaner Funken

Ursprünglich war ich, Ingrid, Alkoholikerin, unaufhörlich auf der Jagd nach dem persönlichen Glück. Während des Tagträumens habe ich mir immer wieder in kleinsten Details die Situationen ausgemalt, die mich, so dachte ich, glücklich machen würden: die Siege im Sport, die rührenden Situationen der Anerkennung meiner unglaublichen Leistungen durch meine Freunde und Verwandten, die guten Taten, die zu vollbringen waren, den ersten Flirt, den ersten Kuss, die Hochzeit, die Geburt des ersten Kindes.  Ich konnte genau festlegen, was jeder sagen und tun würde, wie jeder angezogen wäre, es stimmte alles bis zu den kleinsten Blümchen oder Streifen auf den festlichen oder sportlichen Kleidern. Meine Vorstellungen wurden natürlich nie im realen Leben erfüllt – in der Phantasie war einfach alles schöner, bunter, fröhlicher, rührender, perfekter. Es dauerte lange, bis mir klar wurde, dass das Leben nicht perfekt nach meinen Ansprüchen sein kann. Vielleicht ist es ja perfekt nach einer höheren Ordnung, meinen Vorstellungen wurde es nie gerecht.
Irgendwann musste ich die Enttäuschungen „hinwegspülen“, ihr wisst ja, wie das geht! Ich verlor die Träume, den Zugang zum wirklichen Leben, den Partner, die Kinder, Haus und Garten, Auto – alles weg! Dann wurde ich zu AA gebracht.

„Schüler des Lebens“

In AA wurde mir schlagartig klar, dass ich mein Leben neu zu führen lernen wollte. Das erste Glas musste stehengelassen werden, die Ehrlichkeit erlangte oberste Priorität, das Wichtigste kam immer zuerst dran, nur für heute konnte ich vieles durchsetzen. Die Sache mit „Gott, wie ich ihn verstehe“ hat mich vorerst nicht gekümmert – vielleicht konnte ich deshalb bleiben und immer wieder in die Meetings kommen. Nachdem ich meinen übermäßigen Zorn auf mein verpatztes Leben durchkämpft hatte, mich auf der Suche nach einer Höheren Kraft verlaufen hatte, versucht hatte, die „gottlosen“ Schritte zu leben, war ich sehr dankbar, dass ich trotz allem das erste Glas stehen lassen konnte. Ich wurde aber häufig ungeduldig, weil ich den Eindruck hatte, dass nichts in meinem Leben „weiterging“! In den Meetings trösteten mich dann die Freundinnen und Freunde immer wieder damit, dass ich doch nicht zu viel erwarten konnte. Zuerst war ich noch ein „Baby“ in AA, dann im „Kindergarten“, auch in der „Volksschule“ kann man nicht erwarten, schon alles zusammenzubringen. Bald sah ich ein, dass Lernen seine Zeit braucht.
Nun habe ich alle „Bildungsangebote“ durch, auch die „Universitätsabschlüsse“ in AA, und habe mich auf lebenslanges Lernen eingestellt. Allerdings klingt es für mich deprimierend und düster, wenn ich die „hohe Schule des Lebens“ durchmachen müsste. Sofort stehen die Pferde der Hofreitschule vor meinem geistigen Auge, die mit strammen Zügeln schon vormittags ihre Schritte und Sprünge trainieren müssen. Dabei kommt kaum Freude auf! Es scheint mir nichts anderes übrig zu bleiben, als zu reifen. Nicht, dass ich Angst habe, mal überreif zu sein und dann „faul“ zu werden, aber so ernsthaft will ich das Leben einfach nicht annehmen. Ein „Ebenbild Gottes“ zu werden ist mir genauso zu steil wie das Gebet von Franz von Assisi. Da müsste ich strebsam und fleißig werden und mich punktgenau auf die Spuren der Tugend konzentrieren – das fürchte ich, liegt mir nicht, Verbissenheit gehört nicht zu meinen Anlagen!

Lobgesang der Schöpfung

Die Mutter eines AA Freundes hat immer, wenn sie bei einer Kirche vorbeigegangen ist, „Gelobt sei Jesu Christi“ gesagt. Na, das ist mir viel zu scheinheilig! Aber hin und wieder kann ich bei Naturerscheinungen oder wundervollen Bauwerken ein Lob in Englisch aussprechen, dann sage ich „Praise the Lord“ – das klingt eleganter und nicht so pharisäisch!
Vor Jahren habe ich mir in der Vorweihnachtszeit ein Gospelkonzert in der gotischen Votivkirche in Wien gegönnt. Da sangen fünf beleibte afro-amerikanische Bürger mit Inbrunst und Freude, mit Schwung und Rhythmus voll Begeisterung ihre Lieder, die in der gotischen Kirche einfach „aufstiegen“ und den Raum bis in die Spitzen der Türme füllten. Ich weiß noch, wie ich damals dachte: „So wie die Lieder sollte man leben können – einfach zum Lobe und zur Freude der Schöpfung!“ Das liegt mir schon eher, dass ich wie die Amsel auf dem Baum ein Liedchen vor mich hinträllere, ohne ein Sparbuch unter dem Flügerl zu haben!

Gelassene Zufriedenheit kann ein Dauerzustand sein!

Zu Beginn meiner Trockenheit war ich täglich erstaunt, dass ich immer noch das erste Glas stehen lassen konnte. Inzwischen kann ich meine fortschreitende Genesung seelisch, geistig und körperlich voll genießen. Immer wieder erfüllt mich tiefe Freude, dass es die Anonymen Alkoholiker gibt und dass das Programm so wirkungsvoll sein kann. Ich erfreue mich an den Meetings und Veranstaltungen, da werde ich geerdet und funktioniere eindeutig „runder“ als ohne. Jedes Treffen mit den Freundinnen und Freunden ist erhebend, weil sie auch auf dem Weg der Genesung sind und auch sie meine Freude teilen.
Ich habe noch immer den Satz in den Ohren: „Du kannst nur behalten, was du auch weitergibst!“ Ich kann meine Erfahrung wohl weitergeben, mache aber die Erfahrung, dass Fröhlichkeit und Heiterkeit auf andere bedeutend anziehender wirken als lange Lobeshymnen auf das AA Programm oder gar der Beisatz „… und heute trocken“! Das wirkt grau – ich möchte aber eine farbige Welt! Mit dieser farbigen, fröhlichen Gestaltung bin ich in meinen Diensten in AA pausenlos beschäftigt. Leidende Alkoholiker sind nicht nur welche, die noch trinken! Da gibt es viele an den Tischen, die auch leiden – auch dort ist die Botschaft wichtig!
Heute werden mir häufig die Glücksmomente geschenkt, eine Freundin in Amerika hat sie „God-drops“ genannt. Was ich mir heute wünsche, ist gelassene Zufriedenheit, da steckt auch der Frieden drin, der mein Wohlbefinden unterstützt. Um Gelassenheit kann ich immer wieder bitten!

Ingrid, Wien

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