In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Februar 2023

Monatsthema: Im Kopf wieder klar.

Leseprobe:

In jeder Krise steckt eine Chance

Mein Name ist Daniela, und ich bin eine Alkoholikerin in Genesung. Dies ist mein erster schriftlicher Beitrag. Bevor ich meine Motivation, für unser AA-Dach etwas zu schreiben, hiermit in die Tat umsetze, bin ich durch etliche Selbstzweifel gegangen und hab sie mir angeschaut. Zweifel wie: „hast du überhaupt schon was Hilfreiches zu sagen nach nur 22 Monaten Trockenheit“ bis hin zu

„was du schreibst, will sowieso keiner lesen und hilft auch niemanden… „. Mein Verstand hat mit aller Kraft versucht sich Raum zu verschaffen, in dem er meine Charakterdefizite, wie Selbstzweifel und Faulheit, getarnt als Schutzmechanismen, ins Rampenlicht gedrängt hat. Ich, die Schauspielerin und gleichzeitig auch Regisseurin und Drehbuchautorin sein möchte, habe mich in alter Gewohnheit auf sie gestürzt und zu meiner Realität gemacht. Wäre da nicht das AA-Programm, dass ich, dank euch allen, kennen lernen darf, in dem ihr weitergebt und teilt, was ihr selbst erfahren habt! Dadurch lerne ich im Alltag, jeden Tag aufs Neue, diese 12 Schritte als meine Stütze, meinen Leitfaden, meinen Anker anzuwenden und zu leben, ein Stück zurückzutreten und die Regie abzugeben, inklusive aller Zweifel. Ich lerne mich und meine Gedanken, alteingesessenen Verhaltensweisen, die teilweise zur unerkannten Gewohnheit geworden sind, zu reflektieren und meiner Krankheit, die in meinem Kopf sitzt, auf die Schliche zu kommen und als das zu enttarnen, was es ist, nämlich:  nicht wahr. Die einzige Wahrheit ist: Gott ist alles und Gott ist wunderschön.

Meine Lebenskrisen in der Vergangenheit, die ich in meiner Inventur beleuchten durfte, habe ich dank meiner Sponsorin, und in dem ich euren Erfahrungen zugehört habe, zum größten Teil als selbst herbeigeführt erkennen dürfen. Was mir als mindestens gleich wichtig erscheint, ist die Erkenntnis, dass ich nicht dort wäre, wo ich heute bin, wenn ich nicht genau so alles erlebt hätte, wie ich es eben erlebt habe. Mein Lieblingssatz im Blauen Buch steht im Kapitel Akzeptieren ist die Lösung und lautet: „In Gottes Welt geschieht absolut nichts aus Versehen.“ Weder ich selbst noch meine Vergangenheit sind ein Versehen. Keine Krise, weder im Innen noch im Außen, ist ein Versehen. Mein absoluter Tiefpunkt im Februar 2021, ich habe mich gefühlt, als steckte ich in der schlimmsten Krise seit jeher, hat mich zu AA geführt. Es gibt nichts Schlechtes, wo nicht auch ein Funken Gutes drinnen steckt. Vieles verstehe ich heute noch nicht, aber die Zuversicht, dass alles einen Sinn hat, stärkt mein Vertrauen und meinen Glauben an den einen liebenden Gott. Für mich ist es eine Tatsache, dass an jedem Tag nur das bekomme, was ich auch tragen kann.

Dieser einfache und kurze Satz ist meine Lösung für alles. Ich kann meine Vergangenheit heute akzeptieren. Wie lange habe ich der unrealistischen Illusion nachgehangen mir eine bessere Vergangenheit zu wünschen? Was geschah, ist vorbei, was sein wird, weiß ich nicht. Alles, was ich habe, ist dieser Moment. Dieses kleine Jetzt ist mir geschenkt, und ich darf es nüchtern erleben! Ich erkenne, wie dankbar ich mich fühlen darf und bin es.

Letztlich kenne ich die Kraft meines Glaubens nicht, solange er nicht auf die Probe gestellt wird. Es ist ganz einfach Gott zu danken und zu preisen, wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle und wünsche. Die eigentliche Herausforderung steckt für mich in der Krise. Wenn ich zweifle und traurig bin, wenn es scheint, als hätte sich alles gegen mich gerichtet, und das arme Opfer, das immer noch in mir schlummert, wach wird und nach Mitleid schreit, dann liegt es an mir, ob ich das Einzige tue, was mir in der Verzweiflung wirklich helfen kann. Und das ist definitiv nicht zu trinken! Das habe ich mir selbst in der Vergangenheit x-fach bewiesen. Ich wende mich an Gott. Ich wende mich an euch.

„…denn tief im Inneren eines jeden Mannes, einer jeden Frau und eines jeden Kindes steckt ein Gottesbewusstsein. Es mag durch Elend, Prunk oder Anbetung anderer Dinge verdeckt sein, aber in irgendeiner Form ist es vorhanden. Denn der Glaube an eine Macht, größer als wir selbst, und das Wirken dieser Macht im menschlichen Leben sind Tatsachen, die so alt sind wie die Menschheit selbst.“ (Blaues Buch Wir Agnostiker, S. 63, Neuausgabe 2009). Ich lerne bei den Anonymen Alkoholikern Menschen kennen, auf die ich mich zu 100 Prozent verlassen kann, die für mich da sind, mich lieben und verstehen, wie es noch niemand vorher getan hat. Gott wirkt durch diese Menschen und macht sein Versprechen wahr: niemals werde ich dir meine Hilfe entziehen, nie dich im Stich lassen.

Der Kontrast ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Schöpfung. Gott weiß das. Und auch wir wissen es tief im Inneren. Morgen sehen die Dinge anders aus. Vertrau darauf, dass das Morgen kommt.

Wenn ich nicht meine schmerzhaften Tiefpunkte erlebt hätte, diese tiefe Verzweiflung nach einer durchsoffenen Nacht mit schamhaften, verschwommenen Erinnerungen gespürt hätte, ich würde heute noch trinken. Ich musste all dies spüren, um verzweifelt genug zu sein das letzte Haus in der Straße anzusteuern, in dem noch Licht brannte, um dort meine Lösung und gleichzeitig Erlösung zu finden. Ich war bereit alles zu machen, was mir von Euch gesagt wurde, und der Lohn kam umgehend. Ich habe in diesen 22 Monaten kein einziges Mal bewusst den Druck gespürt trinken zu wollen, und dass, obwohl ich in meinem Beruf in der Gastronomie täglich im direkten Kontakt mit Alkohol bin. Er wurde von mir genommen und noch Einiges mehr. Das ist ein Wunder! Und dieses Wunder habe nicht ich vollbracht, sondern Gott selbst, und ihr alle in dieser wunderbaren und einzigartigen Gemeinschaft. In jedem einzelnen von uns wohnt er, und ich möchte euch auf diesem Weg danken, dass ich ein Teil von euch sein darf, und dass ihr mir den Weg gezeigt habt, den ihr schon vor mir gegangen seid. Ich gebe mein Bestes ebenfalls das weiterzugeben, was ich selbst empfangen habe.  Vieles darf noch reifen und auswachsen, Wurzeln schlagen, um überhaupt erst wachsen zu können, denn teilen kann man nur, was man selbst hat. Wenn ich dazu bereit bin, kann ich hilfreich sein und weitergeben, was anderen hilft. Ich brauche es jedoch nicht zu erzwingen, es wird auf ganz natürliche Weise geschehen. Diese Hoffnung trägt mich durch die Krisen, die unwiderruflich immer wieder auftauchen. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Gegensätzen, denn ohne Regen würde es keine Sonne geben und ohne schwarz kein weiß, ohne oben kein unten, ohne süß kein sauer, ohne Zweifel kein Vertrauen, ohne Schmerz keine Heilung und ohne die Krise keine Überwindung.

Die Erkenntnis, dass alles gut so ist wie es ist, hat Roosevelt diesen Satz sagen lassen: „Wenn Gott mir 24 Stunden lang seine Macht überlassen würde, würde ich Vieles ändern. Aber wenn er mir dazu noch seine Weisheit gäbe, würde ich alles lassen, wie es ist.“

Ich wünsche uns allen das Vertrauen und den Glauben, dass wir im Stande sind, immer nur für heute, jede Krise nüchtern zu meistern, besser, als wir es besoffen je geschafft haben oder schaffen könnten, um gestärkt aus ihr herauszugehen. Immer mit der Gewissheit: im Akzeptieren liegt die Lösung, weil wir nämlich nie allein sind in unserer Gemeinschaft, auf dieser Welt.

Gute 24h, Daniela, dankbare Alkoholikerin aus Tirol.

… und wenn Du mehr lesen möchtest, dann abonniere doch einfach diese Zeitschrift: vertrieb@anonyme-alkoholiker.de