In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

März 2020

Monatsthema:
Geistige Gesundheit

Leseprobe
Meine Höhere Macht ist der Boden für mein Fass

Der lange Weg in Richtung geistiger Gesundheit begann mit meiner Trockenheit. Über die vielen Jahre hinweg begegnete mir jedoch immer wieder mein Suchtverhalten. Ich trank zwar nicht mehr, doch auf der Suche nach mir selbst verhielt ich mich oft weiter als süchtiger Mensch. Den Drang nach „Alles oder Nichts“ auf fast allen Gebieten meines Lebens konnte ich erst nach und nach erkennen, er hielt mich weiterhin voll im Griff. Ich war wie ein Fass ohne Boden. Aus heutiger Sicht hatte dieser Drang aber etwas Positives, denn er ließ mich wachsam werden und bleiben. Ich muss auch heute noch aufpassen, dass ich nicht wieder in mein altes, süchtiges Verhalten zurückfalle. Dieses „Stehaufmännchen“ bleibt mir wahrscheinlich mein restliches Leben lang erhalten. Aber es hat inzwischen viel von seiner Macht verloren. Mein Leben heute ist nicht mehr mit dem zu der Zeit, als ich noch trinken musste, vergleichbar. Ich konnte (Gott sei Dank) langsam Frieden mit mir schließen und habe es gelernt, heute ein erfülltes Leben zu führen, trotz aller Widrigkeiten, die der Alltag manchmal mit sich bringt. Ich bin Gott und den Menschen, denen ich in der Vergangenheit und heute noch begegnen darf, sehr dankbar. Denn ohne sie hätte es diesen Wandel vom unzufriedenen, grundsätzlich negativ denkenden und das Leben verneinenden Menschen zu meinem heutigen Dasein nicht gegeben. In meiner Höheren Macht habe ich den Boden für mein Fass gefunden. Gott hat mir Grenzen, Regeln und Maßstäbe gezeigt, nach denen ich meinen Alltag in positiver Weise gestalten kann, zumindest versuche ich dies. Ohne diese Basis könnte und will ich auch nicht mehr leben. Mein Streben nach einem perfekten, erfolgreichen und für alle Menschen beispielhaften Frank ist fast gänzlich einem realistischeren, sich an meinen Grenzen und Fehlern orientierenden Weg gewichen. Meine Ziele, die ich mir heute stelle, haben zumindest eine größere Chance, dass ich sie auch erreichen kann. Sie sind kleiner geworden und kurzfristiger. So kann ich sie viel eher als Erfolge und manchmal leider auch als „Misserfolge“ abbuchen. Aus meinen Fehlern und Schwächen kann ich lernen und so bekommen selbst die „Misserfolge“ ihren Sinn. Ich bin auf einem guten Weg, zu ihnen zu stehen und auch vor anderen Wegbegleitern zuzugeben. „Der Weg ist das Ziel“ und „Alles hat (und braucht) seine Zeit“ sind für mich Grundsätze geworden. Sie gestatten es mir heute, viel barmherziger, geduldiger und gelassener mit mir selbst und meinen Mitmenschen umzugehen. Ich finde, dass Humor eine der besten Umgehungsweisen in solchen Situationen darstellt. Ich darf über mich selbst und andere Menschen lachen, ohne sie oder mich der Lächerlichkeit preiszugeben. Fehler und Schwächen zugeben zu können, das schafft meiner Erfahrung nach meist Nähe, da das Gegenüber sich nicht mehr so sehr bemühen muss, seine eigenen zu verstecken oder zu überspielen. Besonders die „kleinen“ Gruppen oder Sponsoren machen es mir leichter, ganz zu mir zu stehen. Gerade meine Fehler und Schwächen machen mich menschlich und anderen gegenüber menschlicher. Gerade diese „unvollkommenen“ Menschen sind es, die mir wichtig sind und gerade sie sind es, die mir auch weiterhelfen können. In diesem Sinne gute 24 Stunden.

Frank, Ostfriesland

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