In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Juni 2026

Monatsthema: Der Sechste Schritt

Leseprobe:

Flucht ist keine Option

Der Sechste Schritt war für mich recht einfach. Natürlich wollte ich meine Charakterfehler loswerden. Somit war für mich die Sache mit der Bereitschaft erledigt. Jedoch überfielen mich immer wieder Zweifel an meinem Verständnis des Programms. Es liest sich so einfach. Aber wo zum Teufel verbergen sich darin die täglichen Schwierigkeiten, die Ängste, Zweifel, Befürchtungen, die emotionalen Schwankungen, mit denen ich zu kämpfen hatte?

Mein Eindruck war, die ersten neun Schritte seien statisch. Ich würde sie einmal durchlaufen, und damit sei es erledigt. Mit dem Zehnten Schritt bräuchte ich einfach täglich meine Inventur zu ergänzen. Doch so einfach ist es nicht. Die neun ersten Schritte sind im Zehnten enthalten.

In die Verantwortung

Je öfter ich das Kapitel „Akzeptieren ist die Lösung“ ab Seite 219 im Blauen Buch lese, desto mehr offenbart sich, was wirklich im Programm steckt. Zur Lösung gehört zwingend auch die Demut: Der Sechste und der Siebte Schritt gehören zusammen. Für mich sind sie der Kern des Programms. Der Sechste beschreibt zunächst die Bereitschaft.

Es ist ein Aufruf, mich dem Leben zu stellen. Das betrifft jede Situation, besonders jene, mit der ich Schwierigkeiten habe. Kein Verdrängen mehr, keine Aufschieberitis, kein Beschönigen oder Verniedlichen. Niemand kommt an Problemen im Leben vorbei, da kommt keiner zu kurz. Für mich als Alkoholiker ist diese Konfrontation mit Schwierigkeiten genau das Gegenteil meines Verhaltens während meiner Trinkerzeit, quasi eine Drehung um 180 Grad.

Am liebsten immer „heile Welt“

Die täglichen Herausforderungen zu ertragen, ist für niemanden leicht. Jeder braucht ein Ventil, sei es Sport oder sonst alles, was ablenkt, um entweder auf andere Gedanken zu kommen oder Dampf abzulassen. Im Berufsleben habe ich belastbare Kollegen bewundert. Sitzungen, wo die Fetzen flogen, oder Anfeindungen und Machenschaften, das war nichts für mich. Spannungen ertrage ich schlecht, meine Frustrationstoleranz ist eher bescheiden. Ich habe andere Qualitäten. Ein dickes Fell habe ich nicht.

Als Alkoholiker bin ich sensibel und muss auch etliche Prozesse des Erwachsenwerdens nachholen, die ich früher verdrängt bzw. versoffen habe. Ich muss auf der Hut sein vor Suchtverlagerungen, denn meine Suchtstrukturen behalte ich auch nach dem Trockenwerden bei. Und der Definition nach ist Alkoholismus eine Rückfallkrankheit. Deshalb haben für mich die Meetings auch Präventionscharakter. Arbeite im Programm, dann brauchst du nie einen Rückfall zu bearbeiten. Das war der Wahlspruch meines ersten Sponsors.

Lektionen des Lebens

Das Leben ist fantastisch, aber oft auch kein Zuckerschlecken, und wenn ich das trocken aushalte, nenne ich das Wachstumsschmerzen. An Lektionen komme ich nicht vorbei. Was ich allerdings bewältigt habe, braucht nicht mehr zu kommen. Es hat seinen Zweck erfüllt. Das tägliche Leben ist mein Trainingsfeld. Hier kann ich üben. Und das mache ich auch. Ich bin stärker und bewusster geworden. Und ich habe gelernt, mit so manchem umzugehen.

Ich verstecke mich nicht mehr. Manchmal gehe ich den Weg des geringsten Widerstandes. Ich achte auf die Dosis, was ich mir zumuten kann. Doch wenn es sein muss, bin ich parat. Flucht ist tabu.

Übung macht den Meister. Situationen zu ertragen, ohne zu trinken, darin zeigt sich meine Bereitschaft. Ich bleibe dran, einen Tag nach dem anderen. Nur so kann ich ernten, was in den Zwölf Versprechen so wohltuend zu lesen ist.

Hans-Jürgen, Basel

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