In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Januar 2020

Monatsthema:
Leben in heiterer Gelassenheit

Leseprobe

Selbstfindung mit Hindernissen

Jeder Mensch muss seinen Lebensweg finden und ihn gehen. Für mich war und ist mein Leben mit einer Suche nach dem „richtigen“ Weg und vor allem mit einer Suche nach mir selbst verbunden. Solange ich noch trinken musste, war diese Suche von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn einer der Gründe für meine Trunksucht war, dass ich mich mit mir und den „dunklen“ Seiten in mir nicht anfreunden konnte oder wollte. Wie die meisten Alkoholiker dachte und handelte ich in einer Art „Selbstsucht“ oder Ich-Bezogenheit und kämpfte gegen mich selbst. Dieser „Krieg“ gegen mich selbst kostete meine ganze noch vorhandene Kraft. Ich jagte einem „Traumbild“ meiner selbst hinterher, das kaum etwas mit der Realität zu tun hatte. Den Menschen, der ich gern sein wollte, fand ich nicht oder er hatte zumindest zum großen Teil nicht viel mit meinem „wirklichen“ Ich zu tun. Eins der kleinen “Wunder“, die ich erleben durfte, geschah: Trotz meiner Sauferei erkannte ich, an einem persönlichen Tiefpunkt angelangt, dass der Weg, den ich damals ging, zum Tod führen würde, seelisch, emotional und körperlich. Erst als ich dies endlich mir selbst gegenüber eingestand, durfte und konnte ich mit fremder Hilfe von „oben“ und der Hilfe anderer Menschen trocken werden.

Nach langen Jahren und Schritt für Schritt bekam meine Suche nach mir und meinem Platz in dieser Welt einen realen Sinn und bot eine Chance auf Erfolg. In meiner heutigen Denkweise sind das zwei wichtige Aufgaben (wenn nicht gar die wichtigsten), vor die das Leben uns Menschen stellt. Die erste Aufgabe, mich selbst oder zu meinem Selbst zu finden, schließt ein, dass ich meine Ich-Bezogenheit erkenne und dazu stehe, genau wie zu meinen Gefühlen, besonders zu den „negativen“. Solange ich sie nicht akzeptieren kann oder will, werde ich weiter gegen mich selbst kämpfen und meine „Lebensenergie“ verschwenden.

Doch ich sehe, dass ohne ein gesundes Maß an Ich-Bezogenheit für mich kein Leben möglich wäre. Es kommt wie so oft auf das gesunde Verhältnis an. Ich musste und muss achtsam mit mir und gleichermaßen auch mit den Menschen, auf die ich jeden Tag treffe, umgehen. Wenn ich das wirklich will, setzt dies einen lebenslangen Lernprozess in Gang. Ich entdecke meine krankhaften und destruktiven Anteile, werde bereit, sie mir anzuschauen und sie in ganz kleinen Schritten abzulegen. Fast jedes Mal machte und mache ich die Erfahrung, dass die entstandenen „Freiräume“ mit positiven Erlebnissen gefüllt wurden oder werden. Trotzdem versuche ich achtsam und wachsam zu bleiben, denn auch diese „negativen Anteile“ sind tief verwurzelt in mir und wollen weiter ihren Platz in meinem Leben behaupten oder wiedererlangen.

Mir haben meine Höhere Macht, die Menschen um mich herum und die langjährige Trockenheit die Möglichkeit und notwendige Freiheit geschenkt, für mich selbst zu entscheiden, wie ich mit meiner Wut, Angst, Eifersucht und Ähnlichem mehr umgehe. Will ich mich diesen Gefühlen hingeben und mich oder andere Menschen weiter zerstören oder nutze ich sie vielleicht als wertvolle Hinweise auf noch vorhandene und versteckte Baustellen in mir? Diese Gefühle für mich und nicht gegen mich und andere Menschen zu nutzen gelingt mir nicht immer, aber immer öfter.

Dieser langsame Lernprozess hat inzwischen mein Welt- und Selbstbild völlig in positiver Weise verändert. Aus einem dem Leben und der Welt eher abgewandten Menschen ist ein lebensbejahender, der Welt zugewandter trockener Alkoholiker geworden. Vor meiner Trockenheit sollte sich in meiner „Traumwelt“ die Welt um mich drehen, das Leben sollte sich auf von mir erträumten Bahnen abspielen. Die anderen Menschen und ich selbst waren meine Feinde, gefangen in meiner Selbstsucht war mein Leben öde und leer. Nein, ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt, ich will und brauche es auch gar nicht mehr sein. Mein Leben heute ist insgesamt gesehen bunter, interessanter, abwechslungsreicher, voll vieler Freude und Freunde geworden, viel besser, als ich es mir je hätte erträumen können. Ich habe auch besonders bei AA viele Mitstreiter gefunden, die mit mir – oder besser ich mit ihnen – auf dem selben Weg sind. Die „Gefühlsrückfälle“ in meine damalige Welt gehören mit dazu. Sie dürfen sein, denn ich habe inzwischen mit mir, den Menschen um mich herum und der Welt Frieden schließen können – das beste Geschenk, das mein Gott mir machen konnte. Na ja – aber ich bin auf dem Weg, es noch mehr anzunehmen. Gute 24 Stunden!

Frank, Ostfriesland

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