In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Oktober 2020

Monatsthema:
Sponsorschaft

Leseprobe

Die Saga vom Einzelkämpfer

Freunde, die der Meinung sind, dass sie sich selbst aus dem Sumpf gezogen hätten, wie dereinst der Herr von Münchhausen, besitzen eine völlig andere Ansicht von Spiritualität als diejenigen, die wissen, dass sie keinen einzigen Tag trocken überlebt hätten und auch heute noch scheitern würden, wenn es nicht dieses Geschenk einer Höheren Macht gäbe, das da heißt: Heute das erste Glas stehen lassen können! Ich gehöre zur zweiten Kategorie und mache kein Hehl daraus. Ich bin kein Samurai, der sich selbst laufend rettet und daher niemandem Dank schulden würde.

Als ich noch nass und angesäuselt in die Meetings ging, da dachte ich doch tatsächlich, ich müsste alles allein schaffen und kämpfte einen vergeblichen Kampf gegen den Alkohol. Da half auch nichts, dass ich vor dem Meeting in die Grazer Stadtpfarrkirche ging und meinen Herrgott, den ich sonst stets links liegen ließ, um Hilfe und Beistand flehte. Es nützte nichts, ich kam einfach nicht von der Flasche los.

Fünf schwere Wochen im Krankenhaus legten mich trocken, dann begann ich wieder bei AA von vorn. Aber diesmal konnte ich die Hilfe meiner damaligen Freunde annehmen, ein jeder von ihnen war eine Art Sponsor für mich. So wandelte ich von einem trockenen Tag zum andern. Ich zählte mit Strichen die Tage am Kalender. Am Tag 127 hörte ich auf damit, weil ich mich das erste Mal so etwas wie sicher fühlte. In dieser Zeit schenkten mir diese großartigen Freunde von damals nicht nur ihr Ohr, sondern standen mir mit Rat und Tat zur Seite. Ich schämte mich auch nicht mehr, diese Hilfe anzunehmen.

Es ging eigentlich gar nicht mehr so sehr um den Alkohol, sondern eher um Fragen der Veränderung und eines Neubeginns, soweit dies überhaupt möglich war. Und ich hatte viele Fragen. Gemeinsam suchten wir Wege und Möglichkeiten, die Meetings waren spannend und aufschlussreich, jeder packte seinen seelischen „Rucksack“ aus und legte seine Sorgen offen auf den Tisch. Wir hatten Vertrauen zueinander und besuchten uns auch öfters außerhalb der Meetingszeiten. Wir wurden so zum Teil Freunde fürs Leben, bis heute.

Kein Internet, kein Facebook, kein WhatsApp stand uns zur Verfügung, ich selber hatte damals sogar noch einen Viertel-Telefonanschluss, wodurch das Telefonieren zeitweise gar nicht möglich war. Dennoch standen wir regelmäßig in Verbindung und hatten auch viel Spaß miteinander, manchmal sogar mehr als das, wenn man den 13. Schritt hinzurechnet. Kann ja unter Männern und Frauen nicht ausbleiben, dass Funken fliegen und diverse Affären ihre Runden machen.

Entscheidend für mich war, dass ich stets jemanden zur Hand hatte, wenn der Hut brannte. Und das war recht oft der Fall. Der zweite Teil des 1. Schrittes, dass wir unser Leben nicht mehr meistern konnten, trat immer öfter in Erscheinung. Wenn ich da nicht immer wieder von meinen Freunden vom hohen Ross heruntergeholt oder wenn ich in depressiven Stimmungen nicht ermuntert und erheitert worden wäre, ich weiß nicht, wie so mancher Tag geendet hätte. Wir lernten damals gemeinsam „leben“, was nach dem Scherbenhaufen unserer Trinkerzeit manchmal nur schwer klappte. Allergie und Besessenheit, schrieb Dr. Bob, wenn er vom Alkoholismus sprach – und wir erlebten Irrsinn, Dummheit und Naivität in allen Variationen, ich mittendrin.

Oft nagten starke Zweifel an mir – und tun es manchmal auch heute noch –, Missmut, Enttäuschungen mit inbegriffen, mangelndes Selbstwertgefühl, Scham und auch Groll. Wie hätte ich das ohne meine „Sponsoren“ hingekriegt? Das Glas steht immer nur eine Armlänge vor mir, das habe ich damals begriffen. Aber ich wollte nie mehr zurück in die Hölle, aus der ich so mühselig herausgekommen war, die Flammen des Fegefeuers spürte ich noch lange im Hintern …

Ich bekenne, dass ich ohne Freunde, ohne Sponsoren, aufgeschmissen wäre. AA ist für mich eine Art Familie, auch wenn ich in den letzten Jahren zunehmend das Gefühl habe, dass wir immer mehr Fremde werden, keiner will beim anderen mehr anstreifen, es herrscht die Meinung vor, dass jeder nach seiner Fasson selig werden sollte, Hauptsache trocken … was für mich so nicht stimmt. Ich strebe nach Nüchternheit, nach klarem Kopf und reinem Herzen. Ich weiß, dass manche lachen werden, weil sie gerade das bei mir nicht so sehen, stimmt ja auch, dass ich auf diesem Weg noch immer viel Atem brauche, um durchzuhalten.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es lustig ist, als Einzelkämpfer wie ein Samurai sich durch das Leben zu quälen. Kann aber sein, dass nur mir dies so vorkommt. Ich liebe meine Sponsoren, manche wissen gar nicht, dass sie es für mich sind.

Seppo, Baden bei Wien

… und wenn Sie mehr wissen wollen,  dann abonnieren Sie doch einfach diese Zeitschrift

vertrieb@anonyme-alkoholiker.de