In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Dezember 2019

Monatsthema:
Kapitulation – Stärke aus der Niederlage

Leseprobe
Paradoxa in AA

Ich bin Ingrid, eine fröhlich genesende Alkoholikerin.
Gleich zu Beginn meiner Zugehörigkeit zu AA hatte ich erkannt, dass da einige Slogans weitergegeben wurden, die mir wirklich zu denken gaben. Nicht nur, dass es einfacher sei, nur für heute das erste Glas stehen zu lassen, statt nie wieder Alkohol zu trinken, sondern auch einige andere! Und meine Höhere Kraft half mir dabei, sie zu hören und meist auch zu verstehen!

Stärke erwächst aus der Niederlage

Immer wieder erzählte der eine oder die andere, dass sie sich viel freier fühlten, nachdem sie kapitulieren konnten. Na, dieses Wort kann ich ja überhaupt nicht leiden!!! Kapitulation ist für mich sowas von negativ besetzt, ich verstand es als Niederlage. Aufgeben kann ich immer noch nicht gut, klein beigeben ebensowenig! Erst im Laufe der Zeit konnte ich begreifen, worin der Gewinn einer Kapitulation liegt. Plötzlich hat man „Fronturlaub“ und braucht nicht mehr gegen den Alkohol anzukämpfen. In dieser Zeit werden viel Energie und Kräfte frei. In dem Augenblick, wo ich aufgeben konnte, wurde mein Fokus verschoben und ich hatte viel mehr Freizeit und Freude an den neuen, ungewohnten Aufgaben. Mehr Interesse, mich um andere Sachen zu kümmern, als über die Beschaffung und Entsorgung der Schnapsflaschen zu grübeln! Durch das Ende meines Kampfes hatte ich auch plötzlich keinen Feind, keinen Kontrahenten mehr! Ich konnte mich sicher in den Reihen meiner Freundinnen und Freunde in AA bewegen. Der größte Gewinn für mich war die plötzlich empfundene Freiheit! Ich konnte mich endlich vor- und aufwärts entwickeln, statt mich durch das Rückstoßprinzip immer weiter zurückzukatapultieren! Und meine Höhere Kraft half mir dabei, fast täglich ein Stück zu wachsen!

Du allein schaffst es, aber Du schaffst es nicht allein

Alles, was ich zu Beginn wusste, war, dass ich in meiner Trinkzeit nicht nur einsam und verlassen war, sondern dass ich auch allein über Jahre nichts gegen den Alkohol ausrichten konnte. Täglich nahm ich mir vor, nichts zu trinken, ja nicht einmal einkaufen zu gehen. Abends war jedoch das Bild immer das gleiche: ich bin betrunken in die Bewusstlosigkeit hinübergeglitten! Da war klar, dass ich solo, als Einzelkämpferin, nichts erreichen würde. Gleich in meinem ersten Meeting sprang der „Hoffnungsfunke“ auf mich über. Ich musste und durfte, von dem Augenblick an, keinen Alkohol mehr zu mir nehmen. Und meine Höhere Kraft und all die Freundinnen und Freunde in AA halfen mir dabei!

Wir sind anonym und kennen einander doch so gut!

Wir sprechen einander nur mit Vornamen an, wir erzählen weder etwas über unser soziales Umfeld, noch über unsere Berufe oder unsere gesellschaftliche Position. Die Anonymität schützt uns nicht nur, sie macht uns auch alle gleich: alkoholkranke Menschen, die versuchen, miteinander ein trockenes und schließlich auch ein nüchternes Leben zu führen. Wir brauchen nie zu diskutieren, weil jeder nur von sich spricht, von seinen eigenen Empfindungen und Gefühlen und darüber lässt sich nun mal nicht streiten. Jeder ist, wie er ist und denkt auch so, wie er denken muss.

Eines Tages war ich mit zwei Schulklassen auf Lehrausgang durch die Stadt gewandert, da traf ich die AA Freundin Ruth, die die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Sie hatte ihren Hund beim Arzt für eine sehr dringende Operation zurücklassen müssen, wusste nicht, ob der Hund überhaupt eine Narkose überleben, ob er den Eingriff verkraften würde. Wir blieben also stehen und ich sprach mit ihr und versuchte, sie nicht nur zu beruhigen, sondern ihr auch klarzumachen, dass auch Hunde eine Höhere Macht hätten. Sie ging beruhigter weiter, wir auch. Da fragten die Schulmädels: „War das eine Freundin von Ihnen?“ Ich antwortete einfach mit „Ja“! „Das muss aber eine sehr gute Freundin sein!“, war deren Kommentar. Kinder konnten also die Nähe, die zwischen uns bestand, spüren! Und die Realität? Ich wusste, ihr Name war Ruth, sie war Alkoholikerin, ging immer am Freitag in die Marktgasse ins Meeting, hatte einen Hund und eine Tochter, mit der es Schwierigkeiten gab. Ich hätte noch einige ihrer Charakterfehler aufzählen können, weil wir doch in den Meetings immer nur von uns sprechen und schonungslos ehrlich auch uns selbst zu betrachten suchen. Diese offene Ehrlichkeit schafft Nähe, auch wenn wir anonym sind! Hunde und Kinder können das „riechen“! Ich schätze diese Offenheit und Ehrlichkeit sehr und versuche sie auch täglich zu leben! Und meine Höhere Kraft hilft mir dabei!

Du kannst nur behalten, was Du weitergibst

Da bin ich doch schlagartig wieder in der Gegenwart! Wie kann ich heute, jetzt, dafür Sorge tragen, dass ich nicht wieder trinken muss? Ich versuche, wie viele meiner AA Gefährtinnen und -Gefährten auch, weiterzugeben, was ich in Fülle, mit Liebe und bedingungslos von den Freundinnen und Freunden in AA bekommen habe. Das lässt sich in verschiedenster Weise tun: manche betreuen die Gefängnismeetings; manche gestalten Informationsmeetings in Psychiatrien, in Krankenhäusern und Suchtkliniken; manche haben die Verantwortung für die Kontakttelefone übernommen; manche beteiligen sich in den Online Meetings und betreuen die Erstinformation im Internet; viele dienen in den Gruppen, den Regionen und den Intergruppen; manche betreiben Information in der Öffentlichkeit. Das kann ich auch tun, indem ich bei meinen Ärzten, meinen frequentierten Apotheken Informationsmaterial weitergebe. Viele sprechen in ihren Familien und mit auch entfernteren Verwandten und Bekannten über diese tückische Krankheit, die nicht geheilt, sondern nur zum Stillstand gebracht werden kann. Auch ich übernehme gerne Dienste und meine Höhere Kraft hilft mir dabei. Dafür bin ich dankbar!

Ingrid, Wien

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