In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Mai 2026

Monatsthema: Der Fünfte Schritt

Leseprobe:

Wird sie mich danach noch mögen?

Die Angst vor dem Fünften Schritt ließ mich erst gar nicht mit dem Vierten Schritt anfangen. Die ersten drei Schritte ging ich mit meiner Sponsorin sehr schnell durch, doch bei der Inventur hakte es fürchterlich. Gemeinsam fanden wir heraus, dass die Angst, all meine Geheimnisse, die mich so quälten, mit einem anderen Menschen zu teilen, mich so lähmte, dass ich nicht wagte, sie aufzuschreiben.

Daher musste ich erst einmal zurück zum Dritten Schritt, der zunächst vom Kopf ins Herz rutschen musste. Es mangelte mir an Vertrauen! Meine Sponsorin versicherte mir in Gesprächen, dass ich es wagen solle, den Stift zu nehmen und erst einmal nur aufzuschreiben. Ob ich es dann mit einem anderen Menschen teilen würde, könnte ich ja dann entscheiden, wenn die Liste fertiggeschrieben sei. Das half mir sehr dabei, endlich loszulegen.

Der erste Blick war nur für mich allein

Beim Schreiben bemerkte ich aber ständig diese Gedanken: „Oje, oje! Das behalte ich für mich. Das kann ich niemanden erzählen!“ Die Angst vor Verurteilung – und davor, nicht geliebt zu werden – waren sehr groß.

Ich fasste den Entschluss, mir jemanden zu suchen (vielleicht einen Mönch im weit entfernten Gebirge der Alpen in einem abgelegenen Kloster), dem ich im Fünften Schritt all meine Geheimnisse erzählen wollte. In meiner Vorstellung sollte dieser Mönch möglichst alt und gebrechlich sein und im besten Fall noch vor meiner Abreise versterben … so weit zu meiner kranken Fantasie! Aber dieser Gedanke half mir, es zunächst nur für mich aufzuschreiben.

Irgendwann waren alle Fragen/Listen beantwortet und ein kompletter College-Block vollgeschrieben. Ich fasste mir ein Herz und trat die Reise von zwei Stunden Autofahrt zu meiner Sponsorin an, die ich in einem Online-Meeting gefunden hatte. Wir verbrachten zwei Tage damit, den Block abzuarbeiten. Und ich las ihr tatsächlich alles vor! Allerdings hatte ich in Gesprächen zuvor meine Bedenken geäußert, dass sie vermutlich den Kontakt zu mir sofort abbrechen würde, wenn ich ihr wirklich alles vorläse.

Verständnis statt Verurteilung

Als ich am zweiten Tag die letzte Seite des Blockes vorlas, nach vielen Spaziergängen und Gesprächen, fragte sie verwundert: „Wo sind denn jetzt diese schlimmen Geheimnisse?“ Da wurde mir klar, dass ich mich selber mehr verurteilte, als jeder andere Mensch es tun würde. Meine Sponsorin erzählte außerdem recht ähnliche Geschichten aus ihrem Leben. Interessanterweise fand ich sie bei ihr ganz normal. Mir selber gestand ich diese Gedanken / Taten / Erlebnisse aber nicht zu.

Das war ein großer Schlüssel für mich, zu erkennen, wie sehr meine eigenen Gedanken mein Gefängnis schaffen. Dass meine Höhere Kraft mich trotz all meiner Fehltaten, Charakterfehler und (für mich so empfundenen) Schandtaten liebt, ahnte ich mittlerweile, aber dass ein anderer Mensch mich nach dem Offenbaren meiner Geheimnisse genauso mag wie vorher, war ein wirklich befreiendes, glücklich machendes Erlebnis.

Ich bin meiner Sponsorin bis heute unendlich dankbar für ihre Geduld, ihr offenes Herz und ihr Zuhören. Ohne jegliche Bewertung! Ein großer Schritt in meine neue Freiheit, einfach ein Mensch unter Menschen zu sein, der sein Bestes gibt.

Immer nur für heute …

Danke und gute 24 Stunden,

Sandra, Alkoholikerin aus dem Münsterland

… und wenn Du mehr lesen möchtest, dann abonniere doch einfach diese Zeitschrift: vertrieb@anonyme-alkoholiker.de