In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.
September 2025
Monatsthema: Ich bin kein Opfer mehr
Leseprobe:
Trockensein muss Spaß machen
Als ich zu Beginn meiner Trockenheit an einem geschriebene Online-Meeting teilnahm, stellte eine amerikanische Freundin die Liste „90 ways to stay sober“ (90 Wege trocken zu bleiben) zur Verfügung. Unter Punkt 32 heißt es „Get off the „Pity Pot“…the only thing you’ll get is a ring around your bottom if you don’t“ (Übersetzung der Redaktion: „Hör auf, dich selbst zu bemitleiden, …das Einzige, was du bekommst, ist ein Ring um deinen Po, wenn du es nicht tust.“)
Es betrifft genau dieses Baden in der schleimigen Masse der Opferhaltung, eingekesselt durch eiserne Ringe um das Fass (wie es Heinrich im Froschkönig erging). Trockenheit muss Spaß machen, wozu sollte ich es sonst werden wollen oder bleiben?
Das hörte ich gleich in meinem ersten Meeting, als ich zum zweiten Mal in meinem Leben die AA aufsuchte, – diesmal im vollen Bewusstsein: Ich schaffe es nicht alleine. Beim ersten Kontakt mit AA (der dauerte etwa ein halbes Jahr) war ich weit entfernt davon, mich als Alkoholikerin zu sehen. Das „vernünftige“ Trinken war mein Ziel. Nun, ich hielt ein Jahr durch, ganz ohne Alkohol. Dann begann es sachte mit einem halben „Gläschen“. Irgendwann versuchte ich zum ersten Mal wirklich aufzuhören und der Alkohol rieb sich die Hände und legte erst richtig los. „Spaß“? Der Fahrstuhl befand sich im rapiden Sturzflug!
Erfolgreicher Selbstbetrug
Trockensein muss Spaß machen, das höre ich seither immer wieder. Von einem aus nassen Tiefen schon lange, lange auferstandenen Freund. Tiefen einer Art, mit denen ich mich immer verglichen hatte und mich schließlich selbst beruhigte: Das bin ich nicht! So weit unten war ich ja nie, sonst wäre ich ja schon längst tot. Ich bin ja auf der anderen Seite! Die Ehrlichkeit war erfolgreich ruhiggestellt. Immer und immer und immer wieder. Nur, dass das Leben nicht so war, wie … ja wie? Leicht, kraftvoll, selbstbewusst, erfüllend, mir und anderen Freude schenkend? Es hatte sich im Gegenteil schwer, anstrengend, ungenügend, zäh, düster und gefährlich angefühlt. Und das war es ja auch, wenn ich ehrlich bin!
Und warum? Gründe fanden sich eine Menge; letztlich wurzelten sie allesamt in den „Umständen“ meiner Kindheit, die sich unverändert fortsetzten. Als Anker in der Not habe ich dann in einer Jugendfreizeit in voller Pracht den Alkohol als Retter und Helfer erfahren. Das war im wahrsten Sinne eine „Initiation“. Endlich konnte ich bei einer Fete dabei sein, tanzen, frei sein, leben – auch wenn ich mich anderntags nur noch an den allerersten Anfang erinnern konnte, an sonst rein gar nichts. Aber es war toll, sehr merkwürdig eigentlich! Das Etikett der Flasche (Punsch stand drauf) hatte ich abgelöst, getrocknet und noch zehn Jahre später in meinem Besitz.
Einige Zeit später erfuhr ich den Alkohol als das Gegenteil. Er zeigte sein anderes Gesicht: alleine-heulendes-verlorenes-wütendes Elend, zerbrochene Lieblingsschallplatten und ein scheußliches Gefühl danach.
Damals blieb meine Entwicklung stehen oder wurde jedenfalls in der Summe ein absolutes Zerrbild. Erwachsen wollte ich auch gar nicht werden, nicht so wie …?!
Das war die Geburt einer dauerhaften Opferhaltung. Ein bunter, schillernder Mix, verschlagen, trügerisch und mächtig, der mir die Sicherheit einer Identität verschaffte und als Überlebensstrategie diente. In vielem hatte ich ja auch tatsächlich recht (ganz objektiv). Nur zog ich die irrtümliche Schlussfolgerung. Ich versuchte die Umstände – also die anderen – zu ändern. Das funktionierte natürlich nicht.
So machte sich mit der Zeit Selbstgerechtigkeit immer breiter. Ständige Bewertungen und der oben zitierte „Pity-Pot“ wurden mein gewöhnlicher Aufenthaltsort: IAS-Syndrom – ich arme Sau! Kein Spaß und keine Lebensfreude!
Endlich nicht mehr kämpfen
Vor neun Jahren konnte ich den Fehdehandschuh hinwerfen. „Wir haben aufgehört, gegen alles und jeden zu kämpfen, selbst gegen den Alkohol“ steht irgendwo im Blauen Buch. Eine nicht beschreibbare Köstlichkeit, dieses Empfinden, endlich eine Last abzulegen, die viel zu schwer für mich war. Das ist der Dreh- und Angelpunkt eines neuen Lebens. „Gib mir einen festen Punkt, und ich hebe die Welt aus den Angeln“, soll Aristoteles gesagt haben.
Jetzt erst stellt sich zunehmend die Freude an der eigenen Verantwortlichkeit und Kraft und an meiner Person ein, die sich aus dem Sumpf des „Pity-Pot“ herausschält. Die sich nun auf fester Basis entwickelt — Heute für Heute. Die lernt, was Hänschen nicht gelernt hat, aber Hans sehr wohl lernen kann – auf trockenem Boden und ohne den vermeintlichen Goldklumpen Alkohol auf dem Buckel.
Es dauert, den Weg aus den wirren Geistestiefen ins fruchtbare und reale Handeln zu finden. Nicht „morgen höre ich auf zu trinken“, nicht „morgen werde ich ein großartiger Dieser oder Jener sein“, ein Genie, wie ich ja eines bin. Das eine vom anderen unterscheiden: Was ist real, was Hirngespinst, und was ist jetzt möglich und dran. Kleine Schritte, aber richtige Schrittchen.
Und so stellt jetzt sich zuzeiten eine tiefe Dankbarkeit und ein Glücksgefühl ein, dass ich das erleben darf. Gestern Abend genoss ich die Kühle der Sommernacht auf dem Balkon. Ich war erfüllt von Glück und dachte auf einmal: „Es geht mir verdammt gut“. Wovon ich so überrascht war, dass ich es laut wiederholte: Es geht mir verdammt gut!
„Get off the Pity Pot“ – ich war draußen, auch wenn der „Mitleidstopf“ sicher noch öfter gewohnter Aufenthaltsort sein wird. Es ist aber kein Gefängnis mehr und vielleicht irgendwann nur ein uralter Ausgrabungsgegenstand.
Easy does it (Übersetzung: Immer mit der Ruhe). Einfach das erste Glas stehen lassen und nie das letzte Glas vergessen!
Gute 24 Stunden
Chris AA
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