In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.
April 2026
Monatsthema: Der Vierte Schritt
Leseprobe:
Die Hilfe meiner Tagebücher
Wie bin ich an den Vierten Schritt herangegangen? Wenn ich ganz ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich ihn bis heute – das sind schon über 20 Jahre – immer nur teilweise vollzogen habe.
Mein Name ist Adolf und ich führe seit meiner Zugehörigkeit zu AA mein Tagebuch. Darin beschreibe ich normale Tätigkeiten, Gefühle, Ängste, Wünsche, Träume und Realitäten. Im Verlauf der ersten zwei Jahre bei AA glaubte ich, dass ich inzwischen meine geistige Genesung erreicht hätte und somit die einzelnen Schritte abarbeiten könnte.
Nicht nur auf das Schlechte schauen!
Zum Vierten Schritt fiel mir im Tagebuch auf, dass ich im Wesentlichen meine positiven Eigenschaften ehrlich und aufrichtig beleuchtete. Was war die Ursache? Ich bin krank, ich bin ein Alkoholiker. Im Tagebuch taucht sowohl die gesamte Inventur als auch die tägliche Rückschau im Sinne des Zehnten Schritts auf. Wenn ich verbesserungswürdige Naturtriebe und fehlgeleitete Charaktereigenschaften feststellte, konnte ich sie sofort angehen oder am Ball bleiben!
Jede Medaille hat zwei Seiten
Zurück zur positiven Inventur: Viele meiner gravierenden Fehler machte ich während der Saufzeit und kann sie somit mit meiner Krankheit entschuldigen. Bei der positiven Inventur darf ich nicht vergessen, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Ich erkläre es an ein paar Beispielen: Neben meinem Beruf, den ich sehr gerne ausgeübt habe, war ich ehrenamtlich als Sanitäter unterwegs. Das war lobenswert. Wenn daraus aber über Weiterbildungen ein Rettungssanitäter, Rettungsschwimmer, Rettungstaucher und schließlich sogar Ausbilder in all diesen Bereichen wurde, litt aus Zeitgründen meine Familie darunter oder ich überschätzte meine Kräfte und kam in psychische Konflikte. Aus meinem internen Tagebuch-Lob konnte ich im Vierten und Zehnten Schritt Einzelheiten der negativen Begleiterscheinungen korrigieren, bewusst mit AA, aber auch schon während der Saufzeit aufgrund meiner persönlichen Charaktereigenschaften.
Meine positiven Inventuren
Ein weiteres Beispiel der positiven Inventur, die ich wieder im Tagebuch nachlesen konnte, war die Bergbauernhilfe in Südtirol nach meiner Trockenheit. In den mehr als zehn Jahren auf den Höfen konnte ich meinen beiden Enkelsöhnen eine unbeschwerte Zeit mit dem Opa ermöglichen. Ich selbst war mit den Freunden von AA in Brixen und Brunneck so intensiv verbunden, dass diese Freundschaften bis heute noch bestehen. Insbesondere in Südtirol habe ich gelernt, im Heute zu leben, den Menschen auf den Höfen als auch bei AA unvoreingenommen zuzuhören, ohne zu urteilen. Ich konnte mich in der Gesellschaft wiederfinden als einer wie alle, aber trotzdem ein „Ich“ mit meinen Schwächen und Stärken.
Neu erworbene Charakterstärken festigen
Zurück zur Inventur: AA hat mir ein neues Leben geschenkt. Ich will mich nicht mit dem Vergleich der guten und schlechten Eigenschaften der „Anderen“ aufhalten, sondern meine neu erworbenen Charakterstärken festigen und was ich nicht ändern kann, einfach so belassen. Ich vertraue auf die göttliche Kraft, die mich auf diesem Weg begleitet hat, die mich weiterführt und mit einem verschmitzten Schmunzeln über meine persönlichen Marotten hinwegsieht.
Das Zwölf-Schritte-Programm ist für alle Menschen – von der Geburt bis zum Tod – eine positive Lebensanweisung. Es gilt immer nur für heute, vorausgesetzt, dass wir etwas dafür tun. Meine positive Inventur bedeutet für mich: Ich will „das Böse“ nicht mehr tun, sondern ich will „das Gute“ für mich tun. Packen wir es an.
Gute Zeit wünscht uns allen, inklusive der Freunde in Südtirol,
Adolf
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