In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser und Verfasserinnen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

November 2026

Monatsthema: Der Elfte Schritt

Leseprobe:

Helligkeit in mir

Lange Zeit habe ich gerätselt, ob ich dem Elften Schritt gerecht werden kann. Obwohl ich ein Verlangen hatte, ihn zu erfüllen, saß ich ungläubig, aber bemüht und ehrgeizig vor ihm. Es war mir klar, dass ich in Besinnung lebte. Doch Gebete zu sprechen, gelang mir nicht. Stattdessen gelang mir das Mitmachen, das Geborgensein, das Annehmen. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit folgte ich Menschen und hörte wieder auf sie. Folgte in Dienste und Jahre später ins bewusste Aufnehmen des Programms. Heute folge ich in der Blaue-Buch-Gruppe, und ich folge dankbarer als je zuvor.

Denn es ist Schwung in die Sache mit Gott und dem Gebet gekommen. Meine Sehnsucht, dass auch zu mir der Glaube käme, könnte erhört werden. Daran merkt ihr schon: verstocktes Herz. Der Glaube könnte mir ins Herz fahren. Dabei führe ich von Anfang an das Wort „Gnade“ mit, seit der Kapitulation, seit dem Kapitulationserlebnis. Denn ich fühlte mich so vollends erleichtert in diesem Moment, in dem ich endlich wusste, dass ich hier in dieser Gemeinschaft richtig bin. So total erleichtert, dass ich wusste, dieses warme Körpergefühl und die Helligkeit in mir ist das Geschenk meiner Höheren Macht.

Ein Geschenk

Und ich begriff das als Geschenk und war willens, das Geschenk anzunehmen und zu verteidigen. Das bedeutete zu lernen, pfleglich mit mir umzugehen und vor allem natürlich, sozial tauglich zu werden und für das Geschenk zu danken.

Ich weiß, dass die Freude darüber, lernen zu können, für einen andauernden Glückszustand nicht reicht. Wegen der eingefleischten Begehrlichkeit des süchtigen Menschen.

Genauso wenig hält Dankbarkeit ewig. „Mit Gottes Hilfe“ sagte ich, als wäre ich mir immer bewusst, dass es die Hilfe Gottes ist, die mich nüchtern leben lässt. Ein herzerwärmendes Lebensgefühl. Über die Worte, über die Lippenbekenntnisse hinaus. Dass die Präsenz Gottes nicht durchgehend als fraglos empfunden wird, dass ich erkaltet und befremdet auf die Religion blicke, ist für mein Leben logisch. Im Haus des Widerspruchs bin ich daheim. Im Moment spüre ich, es geht ohne Auseinandersetzung. Wenn die Plagen weichen sollen, dann nur so.

Ach wie das tröstet, dass allein die Durchführung eines Meetings mich Spiritualität erleben lässt. Und so erlebe ich die Zugehörigkeit zu Gott immer stärker, obwohl ich nicht recht für mich bitten kann. In sehr schweren Momenten habe ich mich an Gott gewandt, aber nicht im Sinne von Bitten. Es kommt zu mir, was mir zukommen soll, wollte ich ihm sagen: Ich nehme das an, was ist, hoffend, dass mir der Friede Gottes zuteilwird. Im Verborgenen, im Innern läuft der Austausch mit ihm unentwegt ab. Ich muss meinen Gott verstehen lernen. Ich lasse mich immerzu ablenken vom Gott der anderen. Ich bin jetzt in einer Lesegruppe, die meine Sprache spricht, die Gott keinen Namen gibt, aber seine notwendige Präsenz „anhimmelt“. Ja, das tue ich. Da ist kein Zweifel mehr. Nur die Umgangsform ist nicht geklärt.

Beten gibt mir Kraft

Ich habe eine Sammlung von Gebeten. Das einzige davon, das ich auswendig kann – und manchmal auch laut spreche – stammt aus „Die Upanishaden“. Es ist in Sanskrit, das Gayatri, dem Gelassenheitsspruch ähnlich und bedeutet eigentlich das Gleiche. Die letzte Zeile: Gib mir die Kraft der Unterscheidung, damit sein Wille geschehe. Das ist mir ein großes Geheimnis: sein Wille.

Ja, gelernt habe ich: Gelassenheitsspruch, nicht Gelassenheitsgebet. Doch heute scheue ich mich nicht mehr, Gebet dazu zu sagen. Und es ist für mich die einfachste Übung zu beten. Ich tue es ja laut nach jedem Meeting und stelle fest, dass ich aus dem Kollektiv heraus gerne bete.

Ich will aus dem Eifer für Gott raus, aus dem Eifer, alles richtig und gut zu machen. Halt es einfach, überanstrenge dich nicht, sage ich mir, entspanne. Bleib bei deiner Sache. Es kommt zu dir. Ich bin es nicht, der das erreicht.

Hans-Werner, Köln

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