AA-DACH Leseprobe

Zeitschrift AA-DACH

In der Monatszeitschrift AA-DACH der deutschsprachigen Anonymen Alkoholiker werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht.
Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Februar 2017

Bestellnummer: 201 Monatszeitschrift im Abo

 

Monatsthema:
„Geistige Gesundheit“
heißt
„klarer Verstand“

Leseprobe

Graue Nebel wallen …

Als ich, Ingrid, Alkoholikerin und heute auf dem Weg der Genesung, zu meinem ersten AA-Meeting gebracht wurde, war ich noch nicht trocken – ich musste mir Mut antrinken – und ich konnte sicherlich nicht mehr klar denken, obwohl ich einen „Klaren“ im Blut und Hirn hatte. Mein Sohn hatte von seinem Arzt die Adresse mitgebracht, und mein Vater, damals schon einige Jahre wieder trocken, willigte ein, mich mit dem Auto hinzufahren. Ich war dazu bereit hinzugehen, damit die Menschen daheim Ruhe geben würden – ich wollte nicht über mein Saufen reden!!! Da war keine Rede davon, dass ich mit dem Trinken aufhören wollte oder gar, dass ich ein trockenes Leben führen wollte. Das gehörte zu den Situationen, die ich mir wirklich nicht vorstellen konnte.

Die Menschen in diesem Meeting waren alle adrett angezogen (Renates blau-weißes Dirndl begleitet mich in Gedanken bis heute!), kein einziger schwitzte so wie ich und keiner hatte so einen roten Kopf wie ich! Ich hatte das Gefühl, dass ich aus allen Poren nach Alkohol stank – die dufteten ganz fein und elegant, ich war schwer beeindruckt! Wenn sie sprachen, so klang das sehr gescheit, es waren Sätze mit Subjekt und Prädikat und Punkt. Ich denke, ich konnte damals nicht mal einen einfachen Satz mit Sinn bilden und lesen konnte ich auch nicht mehr!

Rückblickend weiß ich, dass es ein Segen war, dass ich nicht alles hörte, was gesagt wurde. Ich hatte enorme Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren.  Auch die Schritte, die sicherlich gelesen wurden, habe ich zu Beginn nicht gehört. Aber ich konnte mir die wesentlichen Slogans merken: Lass das erste Glas stehen! Nur für heute! In Notsituationen: nur für jetzt! Du bist wichtig, aber nimm Dich nicht so wichtig! Du allein kannst es, aber Du kannst es nicht allein! Komm wieder! Bring Deinen A… ins Meeting, das Hirn kommt schon nach! Wirklich tröstlich empfand ich, dass Alkoholismus eine Krankheit ist! Ich hatte geglaubt, dass ich willensschwach sei! Ich verließ dieses erste Meeting in der Hoffnung, dass auch mir gelingen könnte, was die Freunde dort alle schon hatten: Trockenheit für den heutigen Tag!

Bunte Blätter fallen …

Vom 2. Schritt hörte ich auch nur den zweiten Teil (denn zum Glauben an eine Höhere Macht wollte ich nicht kommen!) und wünschte mir aus ganzem Herzen meine geistige Gesundheit zurück! Allerdings konnte ich sie damals nicht definieren und habe sogar heute noch meine Schwierigkeiten damit. Was also nenne ich „geistig gesund“? Ist es wirklich nur der kognitive Geist, das Denken, die Vernunft oder ist da nicht doch auch die Seele gemeint? Es müssen ja beide heilen. Haben wir doch alle eine dreifache Krankheit, körperlich, geistig und seelisch! Ich neige eher zu der Ansicht, dass beide gemeint sind, das Denken und die Seele. Beide können in den Meetings heilen. Ich muss allerdings das Meinige dazu tun, damit diese Heilung auch stattfinden kann. Ich gehe in die Meetings, ich lese AA Literatur, ich verbringe viel Zeit mit meinen AA Freunden, ich engagiere mich in den Diensten in AA. Bei all meinem Tun heile ich offensichtlich unbemerkt vor mich hin.

Natürlich fällt es mir heute leichter, vernünftig zu sein, weil ich mit klarem Verstand durch das Leben gehe. Ich kann denken und frei handeln, ich muss nicht mehr trinken, und damit sind auch viele meiner Abhängigkeiten verschwunden. Wenn ich mich entscheiden muss, so kann ich das nach reiflichen Überlegungen tun. Weder die Zeit noch die Umstände können mich drängen. Ich kann mir Zeit lassen. Ich kann mit vielen oder nur wenigen oder mit gar keinen Freunden darüber sprechen, bis meine eigene Meinung sich deutlich herausgestellt hat.

… und wenn Sie wissen wollen, wie es der Verfasserin weiter ergangen ist, dann abonnieren Sie doch einfach diese Zeitschrift!
vertrieb@anonyme-alkoholiker.de

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