Ausgabe 06

Rundschreiben an Fachleute

Ausgabe 06, Frühjahr 2005

Jugendliche und Alkohol

Solche Sätze kennen Sie bestimmt!

Der Fußballtrainer:
Meine Jungs saufen sich voll, egal, ob sie gewonnen oder verloren haben. „Komatrinken“ nennen sie das.
Die Dozentin:
Die Vorlesung am Montagvormittag kannst du vergessen; da schlafen die Studenten
noch ihren Rausch vom Wochenende aus.
Die Schüler:
Unser Mathelehrer kippt auf Klassenfahrten schon vor dem Frühstück einen ab!
Der Lehrer:
Eine Clique hat nach dem Abi eine „All-You-Can-Drink-Reise“ nach Spanien gebucht.
Nach dem Prüfungsstress wollen sie nur noch „Spaß haben“, sagen die Schüler.

Mehr und mehr bestätigt sich der Eindruck, dass bereits viele jüngere Menschen alkoholgefährdet oder schon abhängig sind und diese Zahl erschreckend weiter steigt.
Dass sich die Abhängigkeit früher bemerkbar macht, dürfte unter anderem daran liegen, dass die Gesellschaft ihre Einstellung zum Alkoholkonsum geändert hat, und das trifft noch mehr auf die Jugend zu. Die hauptsächlich von ihr propagierte „Spaßgesellschaft“ geht davon aus, dass man ohne Alkohol nicht in Stimmung kommen kann.
Dazu kommt, dass bei vielen Alkoholkonsumenten das Einstiegsalter herunter gegangen ist, vor allem aber hat sich der Umgang mit dem Alkohol geändert.
Der jungen Generation stehen bedeutend mehr finanzielle Mittel und Beschaffungsmöglichkeiten zur Verfügung als früher.
Damit sind auch die Menge und der Alkoholgehalt dessen, was viele Jugendliche, die zum Teil noch nicht einmal körperlich ausgewachsen sind, zu sich nehmen, beträchtlich gestiegen. Es kommt immer wieder zu Exzessen, die in den entsprechenden Cliquen gemeinhin als „Kampf- oder Komatrinken“ verharmlost werden. Vor allem an Wochenenden werden mehr und mehr sinnlos betrunkene Jugendliche, und hier nicht nur Jungen, in die Intensivstationen der Krankenhäuser oder in die Ausnüchterungszellen der Polizei eingeliefert.
Der Einstieg in den Alkoholgenuss findet vor allem im Kreis Gleichaltriger statt. Jugendliche akzeptieren höchstens noch, dass ihnen die Erwachsenen ihre wohlgefüllten Partykeller oder die gut sortierte Hausbar überlassen. Alle diese Faktoren können dazu führen, dass die Abhängigkeit vom Alkohol deutlich früher eintritt als bisher. Hier kommen neue Herausforderungen auch auf unsere Gemeinschaft zu; denn es ist eine Zielgruppe entstanden, der wir bisher kaum Beachtung geschenkt haben.
Die Anonymen Alkoholiker können in Schulen, Lehrwerkstätten und anderen Einrichtungen am Beispiel des eigenen Lebens- und Leidenswegesüber die Folgen unkontrollierten Alkoholgenusses informieren. Die Jugendlichen können dabei erfahren, dass unsere Gemeinschaft auch jungen Alkoholikern Möglichkeiten bietet, ein trockenes und dennoch zufriedenes Leben zu führen. Spontane Erfolgserlebnisse dürften hier allerdings selten gegeben sein. Was wir aber im Umgang mit den jungen
Leuten tun, geschieht dennoch um der leidenden Alkoholiker willen, auch wenn es häufig höchstens Langzeitwirkung hat.
Junge Leute gehen im Regelfalle davon aus, dass sie selbst keine Alkoholprobleme haben und sie auch niemals bekommen können, und wenn doch, dass sie – natürlich – jederzeit mit dem Trinken aufhören können. Wichtig ist aber trotzdem, dass sie wissen, dass es für Betroffene Hilfe gibt und unsere Hand ausgestreckt ist. An die Anonymen Alkoholiker können sie sich erinnern, wenn es in der Familie oder im Freundeskreis ein Alkoholproblem gibt – oder auch dann, wenn sie wider Erwarten doch in naher oder ferner Zukunft selbst in die Abhängigkeit geraten.

Zahlen, die zu denken geben:

Eine Studie der Gmündener Ersatzkasse (GEK) belegt eine dramatische Entwicklung: Mehr als 10.000 Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren mussten im Jahr 2003 wegen psychischer Probleme oder Verhaltensstörungen durch Alkohol in eine Klinik, doppelt so viele wie noch vor 10 Jahren. Bei Mädchen hat sich die Zahl sogar verdreifacht. (Frankfurter Rundschau vom 27.12.2004)

Aktueller Alkoholkonsum nach Alter und Geschlecht (in Prozent)

Gesamtalkoholindex kein Alkohol gelegentl. Konsum regelm. Konsum
11-Jährige männl. 78,8 18,8 2,4
weibl. 88,5 12,1 0,6
13-Jährige männl. 54,2 34,5 11,3
weibl. 55,9 35,6 8,5
15-Jährige männl. 20,9 42,1 37,0
weibl. 21,6 53,8 24,9
Gesamt männl. 53,2 30,9 15,9
weibl. 56,9 32,4 24,6

Alkoholbedingte Rauscherfahrungen nach Alter u. Geschlecht (in Prozent)

nie einmal 2-3mal u. häufiger
11-Jährige männl. 88,7 8,0 3,3
weibl. 95,3 3,8 0,9
13-Jährige männl. 73,1 13,9 12,9
weibl. 75,1 14,6 10,3
15-Jährige männl. 40,9 14,8 44,3
weibl. 45,0 20,6 34,4
Gesamt männl. 69,3 11,9 18,8
weibl. 72,9 12,6 14,4

Durchschnittsalter des ersten Alkoholkonsums und des ersten Rausches

Gesamt Jungen Mädchen
Durchschnittsalter des ersten Alkoholkonsums (1)
12,8
12,8
12,9
Durchschnittsalter des ersten Alkoholrausches (2)
13,8
13,7
13,9

(1) 15-jährige, die jemals Alkohol getrunken haben
(2) 15-jährige, die jemals einen Rausch hatten

Zahlen aus: HBSC 2001/2002 – Daten für Deutschland

Was die AA nicht können:

Von den AA können die Jugendlichen keine „Behandlung“ im medizinischen, kirchlichen oder sozialen Sinne erwarten.
Wir haben weder die Erfahrung, die finanziellen Mittel noch die Befugnis, sie bei der Arbeitssuche,
bei der Wiederherstellung ihrer Beziehungen oder bei der Lösung von sozialen Problemen zu unterstützen. Hierbei werden Sie, die in diesem Schreiben angesprochenen Ärzte, Pfarrer, Sozialarbeiter, Jugendbetreuer und Lehrer, sicherlich behilflich sein können; denn Sie haben dazu Kenntnisse und Möglichkeiten, während die AA sich nur auf ihr eigentliches Problem, den Alkohol, beschränken.

Was sie stattdessen bieten:

Die AA informieren junge Leute am Beispiel der eigenen Lebens- und Leidensgeschichte über ihre Krankheit und den Umgang mit ihr.
Den Abhängigen unter ihnen bieten sie die wichtigste Hilfe: die gegenseitige Aussprache mit anderen Alkoholikern, die Gemeinsamkeit der Erfahrungen und die ständige Hilfsbereitschaft zu jeder Tages- und Nachtzeit. Bei den AA werden sie vorbehaltlos akzeptiert. In unserer Gemeinschaft werden sie lernen, sich wieder sicher im Leben zu bewegen– so dass Sie schließlich wieder in allen Bereichen als vollwertiges Mitglied unserer menschlichen Gesellschaft anerkannt werden.

Wie sind die Anonymen Alkoholiker erreichbar:

In den meisten größeren Städten gibt es Kontaktstellen, die über eine örtliche oder die bundeseinheitliche Telefonnummer 192 95 (mit Vorwahl) erreichbar sind und Auskunft über Ort und Zeit unserer Treffen geben.
Alle Meetings finden sich auch auf unserer Homepage, zu der Sie gerne von Ihrer persönlichen Site einen Link schalten können: www.anonyme-alkoholiker.de

b_kontgdb  aa-kontakt@anonyme-alkoholiker.de

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