Ausgabe 03

Rundschreiben an Fachleute

Ausgabe 03, Herbst 2000

Anonymität: Ein lebenswichtiger Grundstein für die Gemeinschaft
der Anonymen Alkoholiker

11. Tradition: Unsere Beziehungen zur Öffentlichkeit stützen sich mehr auf Anziehung als auf Werbung. Deshalb sollten wir auch gegenüber Presse, Rundfunk, Film und Fernsehen stets unsere persönliche Anonymität wahren.

12. Tradition: Anonymität ist die spirituelle Grundlage aller unserer Traditionen, die uns immer daran erinnern soll, Prinzipien über Personen zu stellen.

Die Zwölf Traditionen der Anonymen Alkoholiker sind Empfehlungen, die die Einigkeit und das Überleben der Gemeinschaft sichern sollen. Sie wurden erstmals 1946 niedergeschrieben und 1950 von der Gemeinschaft als Ganzes angenommen.

Die Gemeinschaft ist mittlerweile 65 Jahre alt, und es gibt immer wieder Stimmen von Außenstehenden, aber auch von Insidern, die sagen: Die AA haben heute eine so große Akzeptanz weltweit in der Öffentlichkeit erreicht, dass sie auf die Anonymität verzichten können. Bill W., einer der Gründer von AA, hat dazu schon 1970 geschrieben: „Im Laufe der Jahre wird und muss AA sich weiterhin verändern. Wir können und sollen die Uhr nicht zurückdrehen. Ich glaube aber trotzdem ganz fest daran, dass das Prinzip der Anonymität unser vorrangiger und bleibender Schutz sein muss.“

Anonym zu sein, bedeutet nicht, dass sich die Gemeinschaft unter dem Deckmantel der Anonymität versteckt. Keiner, der dazugehört, schämt sich seiner Krankheit oder hat Angst vor Benachteiligung. Die Erfahrung von Jahrzehnten zeigt, dass das Prinzip der Anonymität immer zum Wachstum von AA beiträgt. Im modernen Sprachgebrauch könnte die Anonymität als das „Warenzeichen“ der Gemeinschaft bezeichnet werden.

Die Anonymität des Alkoholikers in der Gruppe

Obwohl Alkoholismus als Krankheit anerkannt ist, gilt der Alkoholiker in weiten Bereichen der Öffentlichkeit noch immer als charakterschwacher Mensch, der sein Elend selbst verschuldet hat. Ein Hilfsangebot anzunehmen ist deshalb für einen Betroffenen mit der Angst verbunden, in einer Datei als Alkoholiker registriert zu werden. Die Anonymen Alkoholiker aber geben dem Hilfesuchenden das Versprechen der Anonymität. Der nasse, verzweifelte Alkoholiker wird sich vielleicht an den Strohhalm der Anonymität klammern und eine Kontaktstelle anrufen oder ein Meeting aufsuchen. Zu einem späteren Zeitpunkt entscheidet dann jeder für sich, ob er Angehörigen, Freunden oder auch Arbeitskollegen von seiner Zugehörigkeit zu den AA erzählt. Die Anonymität der anderen Gruppenmitglieder muss aber immer gewahrt werden.

Der Arzt Dr. Walter Dresch, der unserer Gemeinschaft als Nichtalkoholiker (deshalb kann in der gedruckten Ausgabe an dieser Stelle sein Foto erscheinen) freundschaftlich verbunden ist, schreibt zur Anonymität folgendes: „Kommt ein Patient mit seinem Alkoholproblem in meine hausärztliche Praxis, dann bin ich froh, dass ich ihm mit den AA eine Selbsthilfegruppe empfehlen kann.

Hierbei ist es eine sehr große Hilfe, dem sehr verunsicherten Kranken das Prinzip der Anonymität zu erklären. Die Schwellenangst wird deutlich reduziert, wenn der Patient von mir erfährt, dass er seine Personalien nicht preisgeben muss und dass unter ausschließlich Betroffenen keine Informationen über ihn nach draußen getragen werden.

Für mich als Hausarzt ist es eine große psychische Entlastung, dass in der Geschlossenheit der Gruppe eine emotionale Annahme des leidenden Menschen stattfinden kann, wie ich sie als Außenstehender nie zu leisten vermag. Auch hier spielt die gemeinsame Anonymität eine wichtige Rolle. Durch das gegenseitige Ansprechen mit dem Vornamen wird deutlich, dass hier die gesellschaftliche Stellung außerhalb der Gruppe unwichtig ist.

Nach vielen Jahren hausärztlicher Tätigkeit kann ich auf zahlreiche Erfolge bei betroffenen Patienten zurückblicken, die regelmäßig Gruppen besucht haben. Gleichzeitig kann ich auch besser mit den Misserfolgen umgehen, wenn zunächst die Abstinenz ausbleibt. Wer bei den AA gesehen hat, dass diese tödliche Krankheit zum Stillstand gebracht werden kann, der hat nach meiner Erfahrung die Chance bekommen, den Königsweg der Abstinenz zu gehen.“

Anonymität und Öffentlichkeit

Die Anonymität hat wie das gesamte AA-Programm ihre Wurzeln im spirituellen Bereich. In erster Linie geht es immer um die Anonymität des einzelnen Alkoholikers im Bereich der Öffentlichkeit.

Der nasse Alkoholiker ist über einen sehr langen Zeitraum seines Lebens beherrscht worden von Selbstgefälligkeit und Profilierungssucht. Der Abbau dieser für seine angestrebte Nüchternheit gefährlichen Eigenschaften war für ihn nicht einfach. Er musste seine Person hinter der Sache zurückstellen. Als er sich zu seiner Krankheit bekannte, war er in der Gemeinschaft einer von vielen. Niemand in der Gemeinschaft kann irgendwem irgendwelche Weisungen geben. Bei AA werden grundsätzlich Prinzipien über Personen gestellt. Für die Anonymität in Presse, Funk, Film und Fernsehen bedeutet das, dass dort niemand aus der Gemeinschaft mit vollem Namen und im Bild erscheinen sollte, es sei denn es ist ein Nichtalkoholiker, der über uns berichtet. Die Erfahrung der Jahrzehnte hat gezeigt, dass AA, die sich in den Medien gezeigt haben, oft wieder in die oben erwähnten Verhaltensweisen zurückgefallen sind und dadurch rückfällig wurden. Ein hoher Preis.

Bill W. sagte einmal in Verbindung mit unserer Beziehung zur Öffentlichkeit: „Es besteht keine Veranlassung, uns selbst anzupreisen. Wir fühlen uns wohler, wenn unsere Freunde für uns sprechen“ (wie zum Beispiel Dr. Dresch).

In der Öffentlichkeit wird die Anonymität hin und wieder durch einzelne AA gebrochen, aber Gott sei Dank nicht oft. Die Medien haben viel Verständnis für das Prinzip unserer Anonymität, wenn es richtig erklärt wird. Wird die Anonymität von Betroffenen nicht beachtet, besteht die große Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker in Frage gestellt wird. Das hat dann neue anstrengende Überzeugungsarbeit zur Folge. Die Anonymität ist der rote Faden, der sich durch alle Traditionen der Gemeinschaft verfolgen lässt. In einem direkten Zusammenhang mit der Anonymität steht z.B., dass die AA keine Stellung nehmen zu irgendwelchen Streitfragen in der Gesellschaft. AA würde dann in das Interesse der Öffentlichkeit rücken und von ihrem einzigen Ziel abgelenkt, nämlich Menschen zu helfen, ihren Alkoholismus zum Stillstand zu bringen. Die Anonymen Alkoholiker sind eine Gemeinschaft, in der sich keiner profilieren kann. In der Gemeinschaft ist der Einzelne einer von ca. zwei Millionen weltweit, die sich alle gemeinsam bemühen, noch trinkenden Alkoholikern Hilfe anzubieten.

Anonymität und Information in der Öffentlichkeit

Die AA nutzen selbstverständlich die Möglichkeiten der Medien, um über ihr Hilfsangebot zu informieren. Voraussetzung dabei ist, dass die persönliche Anonymität gewahrt bleibt. Das Thema dieser Informationen ist immer die Krankheit Alkoholismus aus dem eigenen Erleben und das Hilfsangebot der AA. Da bei öffentlichen Informationsmeetings meist AA von außerhalb sprechen und nur ihre Vornamen nennen, bleibt auch hier die Anonymität gewahrt.

Als Abschluss noch ein Zitat von Bill W.:

„Es ist uns bewusst, dass hundertprozentige persönliche Anonymität in der Öffentlichkeit genauso lebenswichtig für die Gemeinschaft der AA ist, wie hundertprozentige Nüchternheit lebenswichtig ist für den Einzelnen. Dies ist keine Empfehlung, die aus Furcht erteilt wird, es ist die Stimme einer langen Erfahrung.“

Allgemeine Hinweise: AA-Informationsveranstaltungen

Die Anonymen Alkoholiker nutzen seit vielen Jahren die Möglichkeit, über ihr Programm zu informieren, bei Kongressen, in Schulen, Betrieben oder bei Organisationen, die sich beruflich mit Alkoholismus befassen. Wenn Sie Interesse an einer Präsentation haben, informiert Sie gerne unser Dienstbüro in Dingolfing.

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