Aus der Sicht eines Mitglieds

Die Anonymen Alkoholiker aus der Sicht eines Mitglieds

Diese Broschüre soll den professionellen Helfern erläutern, wie die AA wirken. Obwohl das AA-Programm darauf beruht, dass Alkoholiker ihre Erfahrungen, Kraft und Hoffnung miteinander teilen, ist der Genesungsprozess doch sehr individuell. Das liegt daran, dass das Programm von jedem AA-Mitglied so angewendet wird, wie es seinen oder ihren Bedürfnissen entspricht. Darum wird das Programm hier so geschildert, wie ein AA-Mitglied es empfindet; aber die Broschüre spiegelt das Denken der Gemeinschaft wider, denn sie fand die Zustimmung der A.A. General Service Conference (USA/Kanada).

Der Autor dieser Broschüre trug seine Gedanken erstmals vor einem Seminar für Alkoholismus-Berater in einer der großen amerikanischen Universitäten vor. A.A. World Service, Inc. bedankt sich hiermit für die großzügige Erlaubnis des Autors, diese Rede zu drucken und zu veröffentlichen.

Ich möchte heute Abend aus einem vorbereiteten Manuskript zu Ihnen sprechen, und zwar aus folgendem Grund: Bisher habe ich durch meine Verbindung zu den Anonymen Alkoholikern nur innerhalb der AA oder einer der ihnen gleichgestellten Gemeinschaften Al-Anon oder Alateen gesprochen. Ich nahm an einer Therapie teil, und ich war der Betroffene. Darum, je subjektiver ich sprach, desto besser war es. Heute Abend bin ich gebeten worden, über diese Therapie zu sprechen, und der Unterschied fällt sofort ins Auge. Es scheint mir, ich sollte versuchen, so objektiv wie möglich zu sein. Das verlangte von mir, mir vorher Gedanken zu machen und mich vorzubereiten. Wie objektiv allerdings ein Mensch sein kann einer Gemeinschaft gegenüber, die ihm nach seinem Gefühl das Leben gerettet und ihm seine Gesundheit wiedergegeben hat, ist eine andere Frage. Aber ich kann es versuchen.

Meine heutige Aufgabe ist schwieriger als es zunächst den Anschein hatte, weil – und diejenigen unter Ihnen, die zu den AA gehören, wissen das – es keine offizielle Darstellung gibt, die ich Ihnen vermitteln könnte. Es gibt keine „Parteirichtlinie“, keine offizielle Körperschaft, die ein Dogma oder eine Doktrin vertritt, der sich die AA zu verschreiben haben, kein Glaubensbekenntnis, das wir abzulegen haben. Selbst wenn der noch lebende Mitgründer heute Abend vor Ihnen stünde (dieser Artikel wurde 1968 geschrieben, Bill. W. verstarb am 24. Januar 1971), könnte er Ihnen auch nur seine eigenen Gedanken schildern. Ich selbst betrachte dieses völlige Fehlen von Orthodoxie als eines der stärksten und wirksamsten therapeutischen Prinzipien der AA – und ich hoffe, Ihnen dies später besser erläutern zu können -, doch es kann auch bei Gelegenheiten wie dieser eine kleine Belastung sein. Tatsache bleibt aber, dass alles, was ich heute Abend sage, nur eine persönliche Aussage sein kann. In Wirklichkeit sollte man das, was ich Ihnen jetzt sagen möchte, vielleicht überschreiben mit „Die Anonymen Alkoholiker – aus der Sicht eines Mitglieds“. Und weil ich zu Ihnen in den Räumen einer Universität spreche, ist alles, worum ich Sie bitte, dass Sie mir im Geiste eines offenen und ehrlichen Interesses zuhören.

Sie werden bereits wissen, warum ich gebeten wurde zu Ihnen zu sprechen. Da eine der wirksamsten Traditionen der AA besagt: „Unsere Beziehungen zur Öffentlichkeit stützen sich mehr auf Anziehung als auf Werbung“, bin ich gewiss nicht hier, um Ihnen die AA zu verkaufen, ganz gleich ob Sie ein künftiger Berater oder ein anwesender Alkoholiker sind. Die Erfolge der AA sprechen – verglichen mit anderen Methoden, die Genesung vom Alkoholismus bringen sollen – für sich selbst, und ich bin überzeugt, dass Sie in diesen Räumen mit diesen Erfolgen längst vertraut gemacht wurden.
Nun ist es ja logisch, dass eine Methode zur Lösung eines Problems, die merkbar besser ist und mehr spektakuläre Erfolge bringt als andere, einen oder mehrere besondere Faktoren hat, die sie hervorhebt und irgendwie die Grundlage ihrer Überlegenheit bilden. Trifft dies auf die Anonymen Alkoholiker zu? Wenn ja, worin besteht diese Besonderheit?

Vielleicht können wir unsere Suche danach ganz schnell beenden mit einer Definition der Anonymen Alkoholiker. Was man vielleicht als ihre „offizielle“ Definition bezeichnen könnte, und was bei vielen AA-Meetings verlesen wird, lautet wie folgt:

„Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren; sie erhält sich durch eigene Spenden. Die Gemeinschaft AA ist mit keiner Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution verbunden; sie will sich weder an öffentlichen Debatten beteiligen, noch zu irgendwelchen Streitfragen Stellung nehmen.

Unser Hauptzweck ist, nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen.“

Ja, das ist ziemlich lang, und wie die meisten Erklärungen heutzutage sagt es weniger aus über das, was die AA sind, als über das, was die AA nicht sind.
Wir wollen sehen, ob wir etwas Besseres in dem AA-Standardwerk Anonyme Alkoholiker finden. Es wurde 1939 das erste Mal veröffentlicht und von Bill W. geschrieben, mit Rat und Hilfe der ersten Alkoholiker, die es geschafft hatten, ein Jahr trocken zu bleiben. In Kapitel V mit dem Titel „Wie es funktioniert“ finden wir diese Worte:

„Unsere Auffassung vom Alkoholismus, das Kapitel „Wir Agnostiker“ und unsere Lebensgeschichten offenbaren drei wesentliche Erkenntnisse:

a) … dass wir Alkoholiker sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten,
b) … dass wahrscheinlich keine menschliche Macht uns vom Alkoholismus befreien konnte,
c) … dass aber Gott es konnte und es wollte, wenn wir Ihn suchten.

Diese sogenannten Erkenntnisse sind – obgleich sie schon mehr erklären – keine Besonderheit der Anonymen Alkoholiker. Seit Anbeginn ist der Mensch in die Knie gezwungen worden durch das Eingeständnis seiner eigenen völligen Hilflosigkeit. Und seit derselben Zeit sucht er auch nach einem übermenschlichen Wesen, das ihn von seinem Schicksal befreien könnte, wenn er bestimmte Rituale einhalten und bestimmte Regeln beachten würde. Es gibt hier ersichtlich keine neuen oder anderen Faktoren, und doch sind die drei „Erkenntnisse“, die wir gerade gehört haben, die Grundpfeiler der AA-Philosophie. Was also können wir tun in unserem Bemühen, die Besonderheit der AA herauszufinden?

Der erste Satz der ersten Erklärung, die ich Ihnen vorlas, enthält die einzige „lst“-Aussage, die ich jemals in der gesamten AA-Literatur finden konnte. Wir wollen es uns nochmals anhören:

„Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen.“

Noch einmal: Gibt es hier irgendetwas vollkommen Neues? Die Erfahrungen von Alkoholikern sind weitgehend die gleichen. Während sie in einigen Situationen sicherlich verschieden sein mögen, ist der Grundtenor immer derseIbe: eine fortschreitende Zerstörung der menschlichen Persönlichkeit. Und das Niveau von Kraft und Hoffnung, das diesen Männern und Frauen eigen ist, variiert von Tag zu Tag, sowohl in seinem Ausmaß als auch in seiner Substanz. Aber was ist dann der gleich bleibende Faktor? Wo liegt der besondere Unterschied der AA?

Könnte unsere Antwort vielleicht in der Art liegen, wie diese Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander geteilt werden und – vielleicht noch wichtiger – wer sie miteinander teilt? Liegt das Geheimnis, wie so oft, darin, wie alles begann?

Lange bevor es eine Definition der AA gab, lange bevor es ein Buch oder die Schritte oder die Traditionen oder ein Genesungsprogramm gab, war da eine Nacht in Akron/Ohio – es ist erst 33 Jahre her (1935, zu der Zeit, als diese Rede geschrieben wurde). Eine Nacht, in der ein Mann namens Bill W., allein in einer fremden Stadt, zitternd und ängstlich, begriff, dass seine einzige Hoffnung, sich seine augenblickliche, hart erkämpfte Nüchternheit zu erhalten, darin lag, mit einem anderen Alkoholiker zu sprechen und zu versuchen, ihm zu helfen. Soweit ich weiß, ist dies das erste bekannt gewordene Beispiel, dass ein Alkoholiker bewusst und freiwillig zu einem anderen Alkoholiker ging – nicht, um mit ihm zu trinken, sondern um mit ihm nüchtern zu bleiben.

In dem schicksalhaften Meeting zwischen Bill W. und Dr. Bob am nächsten Abend wurde endlich die Antwort gegeben auf die rhetorische Frage, die Christus bereits vor 2000 Jahren stellte: „Wenn ein Blinder einen anderen Blinden führt, werden sie dann nicht beide in die Grube fallen?“ Und im Jahre 1935 sollte die Antwort, befremdend genug, „Nein“ sein? Vielleicht lag aber in dem, was in dieser Nacht geschah, kein Widerspruch zu diesem Grundsatz von Christus. Vielleicht hat einer, der noch nicht ganz erblindet war, und der noch vage Schemen und Formen sehen konnte, das, was er sah, dem anderen beschrieben, der noch in totaler Finsternis lebte.

Viel wichtiger aber als das, was gesagt wurde, war, wer es sagte. Lange bevor heute ein Alkoholiker durch die Tür des Gruppenraumes in sein erstes AA-Meeting geht, hat er Hilfe bei anderen gesucht, oder diese Hilfe wurde ihm von anderen angeboten und manchmal auch aufgezwungen. Aber diese Helfer sind immer die Überlegenen: Ehepartner, Eltern, Ärzte, Arbeitgeber, Geistliche aller Konfessionen, Rechtsanwälte, Polizeibeamte, sogar Barkeeper. Die moralische Schuld des Alkoholikers und die moralische Überlegenheit des Helfers – auch wenn sie nicht gezeigt wird – tritt immer deutlich zutage. Der Unterton elterlicher Missbilligung und Disziplin in diesen autoritären Figuren ist immer gegenwärtig. Vor 33 Jahren hörte ein Alkoholiker zum erstenmal plötzlich einen anderen Ton. Anstelle des ewigen und bedrohenden Ratta-ta-ta des „Du musst das und das tun“ hörte er eine andere, ihm verständliche Stimme sagen: „So habe ich es gemacht“.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, von der Wiege bis zur Bahre, im tiefsten Innern nach einem anderen Menschen sucht, vor dem er sich vollkommen entblößen kann, ohne heucheln oder sich verteidigen zu müssen, einem Menschen, dem er vertraut, der ihn nicht verletzen wird, weil er sich ebenfalls entblößt. Das Ende dieser lebenslangen Suche kann mit der ersten Begegnung mit AA beginnen.

Eine der ersten Besonderheiten der AA – der Gedanke, dass Alkoholismus eine Krankheit ist – ist heute nichts Besonderes mehr. Während die Diskussion über die wirkliche Natur dieser Krankheit und ihre mögliche Behandlung weitergeht, wird kein intelligenter Mensch mehr an dieser Feststellung zweifeln. Der Eindruck jedoch, den diese Feststellung bei einem Alkoholiker macht, der sie von den Lippen eines anderen Alkoholikers hört, ist unvermindert stark. Für viele Alkoholiker, die voller Scham und Schuldgefühle sind, bringen die Worte: „Ich habe begriffen, dass ich an einer Krankheit leide, und ich habe einen Ausweg gefunden“, sofortige Erlösung, und für andere wenigstens die Hoffnung, dass sie eines Tages diese Erlösung verspüren werden.

Mir kommt es immer so vor: Das Wichtigste, was ein Alkoholiker bei seiner ersten Begegnung mit AA begreift, ist das Gefühl, dass er willkommen ist und eingeladen wird, an den Erfahrungen der anderenteilzuhaben. Das Schlüsselwort in diesem Satz ist „teilhaben“. Ob er dies nun gleich oder erst später begreift, ist in dem Augenblick nicht wichtig. Vielmehr ist es wichtig, dass diese Einladung immer bestehen bleibt und dass er als Gleichgestellter und nicht als Bettler zu diesem Teilhaben eingeladen wird. Egal, wie seine persönliche Reaktion auch sein wird, kein Alkoholiker kann sich dem Verständnis und der Sympathie, die ihm entgegengebracht werden, sowie dem bereits erprobten Ausweg verschließen. Und ihm wird das Gefühl vermittelt, dass er tatsächlich auch das Recht dazu hat, dass er sich dieses Recht in Wirklichkeit schon verdient hat, ganz einfach, einfach weil er ein Alkoholiker ist.

Wenn der Alkoholiker diese Einladung angenommen hat, erfährt er das, was meiner Meinung nach die zweite Besonderheit ist: Die AA kümmern sich zuerst um die Symptome. Es mag für viele überraschend sein, dass auch jetzt, wie vor 30 Jahren, als die Idee geradezu revolutionär war, die Anonymen Alkoholiker immer wieder ihre Überzeugung betonen, Alkoholismus sei, um mit ihren eigenen Worten zu sprechen, „das Symptom für tiefer liegende Schwierigkeiten“. Aber die AA glauben auch, dass die beste Diagnose dieser Schwierigkeiten wenig nützt, wenn der Patient stirbt. Eine Autopsie nützt der Person, an der sie vorgenommen wird, überhaupt nichts mehr. Manchmal früher, manchmal später überträgt sich die AA-Erfahrung, dass totale Abstinenz die einzige Möglichkeit ist, auf die Anfänger. Bei den AA wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Der erste Schritt ist immer noch der Erste Schritt. Kein Neuling bei den AA wird jemals darüber in Zweifel gelassen, dass die Genesung einzig und allein mit der Entscheidung beginnt, „das erste Glas nicht zu trinken“. Und der Neue wird ganz schnell lernen, dass kein anderer diese Entscheidung für ihn treffen kann oder will. Tatsächlich lernt er ebenso schnell, dass keiner ihn zu dieser Entscheidung zwingen kann oder will. In AA trifft immer nur der Alkoholiker selbst seine Entscheidungen.

Der Wunsch und die Fähigkeit, diese Entscheidung zu treffen, entspringen, wie ich meine, der dritten Besonderheit in AA: Das intuitive Verständnis, das dem Alkoholiker entgegengebracht wird, ist – obgleich mitfühlend – nicht etwa nachsichtig. Die „Therapeuten“ bei den AA haben schon ihren Doktorhut in den vier Fächern, in denen Alkoholiker hervorragend sind, erworben: Schwindelei, Selbstbetrug, Ausflüchte und Selbstmitleid. Der Neue wird nicht gefragt was er denkt, ihm wird gesagt, was er denkt. Keiner ist darauf aus, ihn bei einer Lüge zu ertappen. Ihm wird gesagt, welche Lüge er erzählen will. Und schließlich wird er dadurch wieder lernen, ehrlich zu werden. Man kann nicht viele Punkte machen, wenn man versucht, die Leute reinzulegen, die das Spiel vielleicht erfunden haben, das man spielt.

Und dann gibt es da noch die vierte Besonderheit, die ich außer bei den Anonymen Alkoholiker nirgendwo sonst gefunden habe: Ich meine die allgegenwärtige, nicht endende, begeisterte Bereitschaft des genesenden Alkoholikers, über seine Krankheit zu sprechen – mit allem Wenn und Aber, allem Warum und Weil, kurzum, mit allem, was dazu gehört oder nicht dazu gehört. Bevor der Neuling sich dieser Tatsache überhaupt bewusst wird, wird seine alkoholische Besessenheit, sein Durst, sein Wunsch und sogar sein süchtiges Bedürfnis nach Alkohol allmählich zu Tode geredet. Es ist immer wieder überraschend für mich, wenn ich beobachte, dass Menschen, die ihren Mund einmal missbrauchten, um krank zu werden, ihn nun dazu benutzen, um sich gesund zu reden.

Und schließlich ist da noch die umgekehrte Reihenfolge, in der der Erziehungsprozess bei den AA sich vollzieht. Der Neuling ist nicht so sehr gehalten, neue Werte zu lernen, als vielmehr, jene Werte, mit denen er kam, zu vergessen, nicht neue Ziele anzustreben, sondern die alten abzuschütteln. Meiner Meinung nach ist einer der bedeutendsten Sätze in dem ganzen Buch „Anonyme Alkoholiker“ dieser: „Einige von uns hatten versucht, an alten Ansichten festzuhalten, und das Resultat war gleich Null, bis wir kapitulierten.“ Die Sturheit, mit der selbst manche trockene Alkoholiker an Meinungen, Glauben und Überzeugungen festhalten, die sie schon mitbrachten zu den AA, ist nahezu unglaublich. Es ist deshalb ein ganz wichtiges Element in der AA-Therapie, dem Alkoholiker zu helfen, allmählich diese Ansichten zu erkennen und bereit zu sein, auf die tödliche Auseinandersetzung mit ihnen zu verzichten.

Und nun werden Sie fragen, wo diese Besonderheiten zu finden sind. Wo setzt ihre Wirkung ein? Wo geschehen sie? Muss die Antwort immer lauten: Bei dem und dem Meeting, in der und der Gruppe, zu der und der Zeit? Nein. Die richtige Antwort lautet, dass diese besondere Therapie überall dort zum Tragen kommt, wo immer zwei Alkoholiker sich treffen: zu Hause, beim Essen, auf der Straße, im Auto, beim Spazierengehen, zwischen Tür und Angel und – oh Gott – am Telefon! Da gibt es eigentlich nur eine Voraussetzung: Einer von ihnen sollte trocken sein. Aber selbst das ist nicht unbedingt nötig. Ich selbst bin der lebende Beweis, dass zwei betrunkene Alkoholiker, die sich von AA abwandten, sich gegenseitig wieder überreden können, zu ihnen zurückzukehren.

Wenn wir bei diesem Punkt angelangt sind, werden Sie sich bestimmt fragen: Von diesen Besonderheiten mal abgesehen, was passiert denn eigentlich bei den AA? Gut, ich muss zugeben, dass das der Kern der Sache ist, und ich wünschte, die Antwort wäre so leicht wie die Frage. Wenn ich weiter nachdenke: Es gibt eine einfache Antwort. Ich könnte einen Ausspruch wiedergeben, der durch alle Meetingsräume der AA geht: „Das Wunder der AA geschieht.“ Es gibt gar keinen Zweifel, dass mir diese Worte unter die Haut gehen – sie sind poetisch und schön. Das ist zwar eine Antwort, aber keine Erklärung.

Es gibt einen weit verbreiteten Glauben in AA, dass ein Neuling einfach regelmäßig die Meetings besuchen sollte – „und dann wird schließlich etwas mit Dir geschehen“. Und die Bedeutung dieses „Etwas“ ist selbstverständlich das sogenannte Wunder bei den AA. Es gibt aber meiner Meinung nach auch viele Menschen in AA, die diese Aussagen ganz wörtlich nehmen. Ich habe sie während vieler Jahre beobachtet. Vertrauensvoll besuchen sie die Meetings, warten ebenso vertrauensvoll auf dieses gewisse „Etwas“. Der Witz an dieser Sache ist, dass wirklich „Etwas“ mit ihnen geschieht. Sie sterben! Sie sitzen im Meeting, Wochen, Monate, Jahre, während bei ihnen körperlich, geistig und seelisch langsam die Leichenstarre einsetzt.

Ich meine, das wirkliche „Wunder der AA“, das „Etwas“, das geschehen wird, ist – wie wir hoffen – einfach die Bereitschaft des Alkoholikers, etwas zu tun. Warum er schließlich dazu bereit ist, hoffe ich später erklären zu können. Lassen Sie uns jetzt unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, was er bereit wird, zu tun.

Das Programm der AA wurde treffend „ein Programm der Aktivität“ genannt. Tatsächlich lautet einer unserer meist zitierten Sprüche „Aktivität ist das Zauberwort“. Wenn ein Neuling das hört, sieht er sich vor seinem geistigen Auge, wie er an Meetings teilnimmt, das tut, was wir „Arbeit im Zwölften Schritt“ nennen, in Meetings spricht, in Arbeitsgruppen mitwirkt – alles in allem eine Art beständigen Hin und Hers. Schauen wir mal, ob es wirklich so ist.

Ich zitiere aus dem 5. Kapitel des Buches Anonyme Alkoholiker:

„Hier sind die Schritte, die wir gegangen sind, und die als Programm zur Genesung empfohlen werden:

1. Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.
2. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.
3. Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – wie wir Ihn verstanden – anzuvertrauen.
4. Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.
5. Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.
6. Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.
7. Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.
8. Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten und wurden willig, ihn bei allen wiedergutzumachen.
9. Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war -, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.
10. Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.
11. Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir Ihn verstanden – zu vertiefen. Wir baten Ihn nur, uns Seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.
12. Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.“

Was Sie soeben hörten, sind die wohlbekannten Zwölf Schritte der AA. Sie sind von verschiedenen AA-Mitgliedern zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Ausdrücken bezeichnet worden, als „Die Goldenen Stufen zum Glück“ bis zu „all diesem Gotteskram“.

Ich werde nun versuchen, einige Fragen aufzuwerfen, die uns helfen könnten, zu begreifen, welchen Einfluss die Zwölf Schritte auf das Leben von Tausenden von Alkoholikern ausüben. Darunter verstehen wir auch ihre bereits unter Beweis gestellte Wirkung bei der Auseinandersetzung mit dem Problem Alkoholismus.

Zunächst einmal sind Sie genauso überrascht wie ich, dass es in diesem Programm keine Ratschläge für die physische Verfassung gibt – nichts über Salate, Gemüse, Vitamine, tägliche Gymnastik? Ich meine, es kommt daher, dass die Alkoholiker in AA von Anfang an geglaubt haben, dass die körperlichen Aspekte unserer Krankheit allein nicht so schlimm wären, wenn nicht gleichzeitig ein fortschreitender geistiger Verfall einträte. Wenn die Hauptsache, um die wir uns Sorgen zu machen hätten, die körperliche Allergie gegen den Alkohol gewesen wäre, dann – so glaube ich – wäre die Gemeinschaft AA nicht geboren worden, weil sie nicht gebraucht worden wäre. Ich bin schon öfter gegen irgendwelche Nahrungsmittel stark allergisch gewesen, gegen Erdbeeren, aber ich brauchte niemals zu den Anonymen Erdbeeren gehen, gegen Schweinefleisch, aber ich musste nicht meine Religion ändern, um mich dessen zu enthalten.

Wenn also Alkoholismus überwiegend eine geistige Krankheit ist, die eine geistige Genesung erfordert, wundert es Sie dann nicht, so wie mich, dass es hier im spirituellen Sinne überhaupt nichts Neues gibt, dass in diesem Programm nichts Außergewöhnliches oder Besonderes steckt? Die meisten dieser Gedanken sind bekannt, seit der erste Mensch aus seiner Höhle kroch. Viele Menschen existierten in eher primitiven Gemeinschaften, und jeder Alkoholiker – ganz gleich, wie unreligiös oder unethisch er sich behauptet hat – muss manchmal einen oder alle dieser Gedanken als Wertmaßstab angesetzt haben, um sich selbst einschätzen zu können. Zu glauben, dass der Alkoholiker, der zu den AA kommt, ein ungeschliffener, ungebildeter Barbar ist, der plötzlich durch die vorher nicht verfügbare spirituelle Erleuchtung der Zwölf Schritte geändert wird, ist für mich großer Blödsinn.

Nochmals: Wir werden mit einem Aspekt der Therapie bei den AA konfrontiert, der eine völlig neue Wirkung ausübt, jedoch scheinbar ohne in seiner Substanz etwas Neues zu sein. Worin könnte also der Unterschied bestehen?

Ich glaube, er besteht in der Art und Weise, wie die Schritte dargeboten werden und nicht darin, was sie beinhalten: Sie sind ja viel mehr Erfahrungsberichte als lediglich Regeln, die unter dem Leidensdruck des Trinkens nicht gebrochen werden dürfen.
Ich habe mich schon oft gefragt, welchen Weg die Menschheit wohl gegangen wäre, wenn die Zehn Gebote in der gleichen Art und nicht als negative, grobe Befehle ausgedrückt worden wären: „Wir ehrten Vater und Mutter.“ „Wir erinnerten uns, den Sabbat heilig zu halten.“ „Wir ehrten den Namen des Herrn, unseres Gottes, und missbrauchten ihn nicht.“ „Wir gaben kein falsches Zeugnis ab gegen unseren Nachbarn.“

Die Erfahrungsberichte der AA sind klar und unmissverständlich. „Hier sind die Schritte, die wir gemacht haben“, sagen jene, die vor uns da waren. Der Neuling erkennt schließlich, dass auch er diese Schritte machen muss, bevor er irgendetwas über sie berichten darf. Und in einer Atmosphäre, in der das ständige Thema heißt: „Was ich tat“ und „Was ich denke“, kann kein Neurotiker der Versuchung mitzumachen lange widerstehen. In einer Gemeinschaft, deren Mitglieder insgeheim immer davon überzeugt sind etwas Besonderes zu sein, kann ein Neurotiker nicht lange mit den Erlebnisberichten anderer zufrieden sein. Sei es durch Zufall, Bestimmung oder durch übernatürliche Führung, die Zwölf Schritte sind so geformt und dargeboten, dass ein Alkoholiker sie entweder vollkommen ignorieren, im Vorübergehen mitnehmen oder mit ganzem Herzen in sich aufnehmen kann. Auf jeden Fall kann er nur darüber sprechen, was er selbst getan hat. Bis er das tut, ist er mehr ein Gast bei den Anonymen Alkoholiker denn ein Mitglied, und das ist eine Situation, die für einen Alkoholiker schließlich unerträglich ist. Er muss wenigstens einige dieser Schritte für sich annehmen oder wegbleiben. Meiner Meinung nach ist dies das gewisse „Etwas“, das auf das abwartende, inaktive, meistens feindselige AA-Mitglied abfärbt, und auch die Antwort darauf,warum es so geschieht.

Die Darbietung der Zwölf Schritte – mehr Erfahrungsberichte als zu befolgende Gebote -, bildet auch die Grundlage für das auffallende Nichtvorhandensein irgendwelcher formeller Dogmen oder Doktrinen der AA. Keinem Mitglied wird jemals gesagt, dass es diese Schritte vollziehen muss oder in das Leben der Trunkenheit zurückzugehen hat. Ein Mensch, der sagt, er sei ein Mitglied der AA, ist ein Mitglied der AA, egal wie dürftig oder rückhaltlos er die Schritte annimmt. Die Palette der Mitglieder reicht von denen, die laut und unermüdlich verkünden: „Ich bin seit Jahren nüchtern mit Schritt Eins und Schritt Zwölf“, bis zu jenen, die ebenso unermüdlich mahnen: „Anwenden, nicht analysieren“. Die erste Gruppe scheint fähig zu sein, leichthin die bezeichnende Klausel des Zwölften Schrittes zu ignorieren : „Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, …“ und ist anscheinend zufrieden mit dem, was für andere eine traurig eingeschränkte und armselige Nüchternheit sein mag. Die zweite Gruppe scheint ebenso fähig zu sein, die Tatsache zu ignorieren, dass ihre ewige Mahnung, nicht zu analysieren, das Ergebnis der eigenen Analyse ist.

Da ich ja zu Ihnen als gegenwärtige und zukünftige Berater und nicht zu Alkoholikern spreche, möchte ich mich nicht zu lange über die Schritte auslassen. Aber es gibt doch einige Punkte bei diesen Schritten, von denen ich glaube, dass wir sie nicht übersehen dürfen – weil ich sicher bin, dass sie wieder und wieder bei Ihrer künftigen Arbeit auftauchen werden.

Das erste wird manchmal – einfach, aber zutreffend – „das Gottes-Moment“ genannt. Da die Anonymen Alkoholiker mehr und mehr international werden, sich von der jüdisch-christlichen Kultur der amerikanischen Gesellschaft, in der sie begründet wurden, ausbreiten, und während sie sich bei uns mehr und mehr Überprüfungen stellen müssen, gerät dieses Basisprinzip des AA-Genesungsprogramms mehr und mehr ins Kreuzfeuer und wird zunehmend in Frage gestellt.

Offensichtlich fühlten die Gründer der AA, dass Alkoholiker die Hilfe einer Macht brauchen, die größer ist als sie selbst. Aber wiederum, ob durch Zufall, Bestimmung oder durch göttliche Führung, haben sie weise darauf verzichtet, den Begriff dieser Macht näher definieren. Während die AA-Literatur das persönliche Fürwort benutzte und auch weiter benutzt, um den Begriff einer persönlichen Gottheit zu beschreiben, ist der Glaube daran keinesfalls erforderlich. Ich bin tatsächlich davon überzeugt, dass das Wesen dieser Macht immer weniger wichtig wird, je mehr Jahre die Nüchternheit in der Gemeinschaft der AA besteht. Die meisten mir bekannten AA-Mitglieder und auch ich scheinen sich im Laufe der Jahre von der Suche nach einem Gott, den wir verstehen, weiterzuentwickeln zum Glauben an einen Gott, der uns versteht.

Die Gründer der Gemeinschaft AA bemühten sich auch, ihren ursprünglichen Gebrauch der Begriffe „spirituelle Erfahrung“ und „spirituelles Erwachen“ zu erklären, mit denen sie die Änderung der Persönlichkeit beschreiben, die sie für eine dauerhafte Genesung für unerlässlich notwendig hielten. Im Anhang zum Buch „Anonyme Alkoholiker“ finden wir diese Worte:

„Unter unserer schnell wachsenden Mitgliedschaft von Tausenden von Alkoholikern sind jedoch solche Formen des Umdenkens – wenn sie auch häufig vorkommen – keineswegs die Regel. Die meisten Erfahrungen, die wir machen, gehören zu dem, was der Psychologe William James als die „pädagogische Form“ solcher Erfahrungen beschreibt. Es entwickelt sich wie alles, was zur Erziehung gehört, langsam im Laufe der Zeit … Am Ende sieht auch er ein, dass bei ihm in seiner Reaktion auf das Leben ein grundlegender Wandel eingetreten ist. Und er weiß, dass diese Veränderung kaum allein durch ihn selbst hätte zustande gebracht werden können.“

In den Zwölf Traditionen fordert die Gemeinschaft der AA „… nur eine höchste Autorität – einen liebenden Gott, wie Er sich in dem Gewissen unserer Gruppe zu erkennen gibt“. Ich möchte Sie jedoch daran erinnern, dass diese Gruppen aus Alkoholikern bestehen; und wenn es schließlich gelingt zu bestimmen, was das Gruppengewissen entschieden hat, kann selbst der kämpferischste Atheist oder der ewige Agnostiker bereits seit Jahren nüchtern sein.

Es mag einigen von Ihnen auch so vorkommen, als wenn im Vierten und Fünften der Zwölf Schritte die Anonymen Alkoholiker angeklagt sein könnten, mit gespaltener Zunge zu reden. Ich möchte Ihnen diese Schritte in Erinnerung rufen:

„4. Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.
5. Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.“

Hier, so scheint es, ist eine Gemeinschaft, die auf der einen Seite behauptet, dass in der Krankheit Alkoholismus keine moralische Schuld enthalten ist, und die andererseits ihren Mitgliedern empfiehlt, dass die Genesung von dieser Krankheit auf einer gründlichen und furchtlosen Aufzählung dieser Schuld gegenüber Gott und einem anderen Menschen beruht. Ich persönlich meine, dass dieser offensichtliche Gegensatz aus dem erfahrenen Wissen entstand, das die Gründer der AA erworben haben. Ich glaube, sie wussten, wie wir auch, dass, egal, was auch immer sie einem Neuling über die Krankheit Alkoholismus erzählen, dieser sich schuldig fühlt. Er kann sich nicht blind stellen gegenüber den moralischen Folgen seines Trinkens: dem schädlichen Einfluss auf seine unmittelbare Umwelt, und der Scham und Erniedrigung, die er sich selbst aufbürdete. Die Last dieser konventionellen Schuld – und ich benutze das Wort „konventionell“ ganz bewusst -, ebenso wie das sture und perverse Bedürfnis des Alkoholikers, sich daran festzuklammern, ist die älteste seiner „alten Ideen“. Sie ist die älteste, weil sie die allererste war, und in den meisten Fällen ist sie auch die letzte, die ihn verlässt. Aber verlassen muss sie ihn, wenn die Einstellung des Alkoholikers zu sich selbst und künftig auch seiner Umwelt gegenüber eine grundlegende Änderung erfahren soll. Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum die Gründer von AA durch ihre eigenen Erfahrungen lernten, dass dem Alkoholiker ein konventionelles Mittel gegeben werden muss, um die Last seiner konventionellen Schuld abzuwerfen. Soweit zu Schritt Vier und Schritt Fünf.

Ich hoffe, es scheint inzwischen klar zu sein, dass das Aktivitäts-Programm der AA sich weder in dem lebhaften Hin und Her ausdrückt, wie der Neuling es sich so oft ausmalt, noch in dem unermüdlichen Weitergeben der Botschaft an andere Alkoholiker. Statt dessen konzentrieren sich diese Aktivitäten zum größten Teil auf den inneren Menschen und schließen seine tiefsten Empfindungen und Werte ein. Nur drei Schritte – der Fünfte, der Neunte und der Zwölfte – beziehen auch andere Menschen mit ein. Die anderen neun befassen sich mit dem inneren Leben des Alkoholikers. Doch wenn man sie beachtet, ist das letztliche Ergebnis eine Wende des Alkoholikers von innen nach außen – von sich selbst zu anderen.

Ein oft wiederholter Satz aus dem Buch „Anonyme Alkoholiker“ ist: „Ichbezogenheit ist die Wurzel aller unserer Schwierigkeiten.“ Und eines der ersten Anzeichen der grundlegenden Änderung in der Persönlichkeit des genesenden Alkoholikers ist das langsame, zögernde, ängstliche, aber beharrliche Sich-den-anderen-selbst-Anbieten. Alkoholiker gehören zu der großen Zahl der „Gib-mir-Wesen“ auf der Welt:“Gib mir eine Gelegenheit“ … „Gib mir eine Chance“ … „Gib mir Zeit“… „Gib mir Verständnis“ … „Gib mir Liebe“. Eben diese „Gib-mir-Wesen“ werden in AA zu großen Gebern und siehe da, einige von ihnen lernen sogar, nichts zurückzuerwarten.

Das Haus, das ein Mensch mit Hilfe der AA für sich selbst baut, ist für jeden Bewohner anders, weil jeder Bewohner sein eigener Architekt ist. Für viele bedeutet die Gemeinschaft der AA ein Nachhausekommen – eine Rückkehr, wie die vom Verlorenen Sohn, in das Haus und das Vertrauen des Vaters. Für andere ist es eine nie endende Reise in ein Land, von dem sie noch nicht einmal im Traum ahnten, dass es existierte. Es kommt nicht darauf an, in welcher Gruppe jemand landet. Was wirklich zählt, ist, dass die Anonymen Alkoholiker mehr als bewiesen haben, dass das Haus, das sie bauen, sowohl den Rebellen wie den Konformisten, den Radikalen wie den Konservativen, den Agnostiker wie den Gläubigen beherbergen kann. Das Nichtvorhandensein von formellen Dogmen, der Mangel an Regeln und Geboten, das nicht spezifizierte Wesen ihrer Definition und die Flexibilität ihres Gefüges – alle diese Dinge, die wir gerade näher betrachtet haben, tragen zu diesem unglaublichen und glücklichen Ausgang bei.

Aber was schließlich dieses Ergebnis ausmacht und den genesenen Alkoholiker in der Gemeinschaft der AA stets selbstständig erhält, ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten, wenn auch selten bemerkten Prinzipien, die bei den AA wirken. Gerade die Tatsachen, die ich aufgezählt habe, bedeuten, dass jeder Alkoholiker an jedem ihm gegebenen Tag zu jeder Zeit irgendjemanden bei den AA finden kann, der voller Vertrauen mit dem übereinstimmen wird, zu dem er sich schon entschieden hat. Andererseits wird er auch an jedem ihm gegebenen Tag zu jeder Zeit irgendjemanden bei den AA finden, der, ebenfalls voller Vertrauen, nicht mit dem übereinstimmen wird, was er entschieden hat. Früher oder später ist der genesende Alkoholiker in AA regelrecht gezwungen, für sich selbst zu denken. Früher oder später wird er sich der Schildkröte ähnlich fühlen, dieser bescheidenen Kreatur, die nur vorwärts kommen kann, wenn sie ihren Kopf ausstreckt. Die formlose Beweglichkeit der AA-Prinzipien, wie sie von ihren so verschiedenartigen Anhängern ausgedrückt werden, drängen den Alkoholiker schließlich in eine Situation, in der er nur sich selbst als Rahmen aller seiner Möglichkeiten für sein Tun benutzen kann und dies bedeutet wiederum, dass er bereit sein muss, die Konsequenzen seines Tuns zu akzeptieren. Für mich ist dies die Definition für emotionelle Reife.

Es wäre schön, wenn ich jetzt meinen Vortrag schließen und in einer Atmosphäre von Freundlichkeit und Klarheit scheiden könnte, indem ich meine schön begründeten Gedanken ihrer eigenen Wirkung überlasse. Wenn ich das aber täte, würde ich Ihnen, als künftige Berater, einen schlechten Dienst erweisen. Für jedes AA-Mitglied kommt ein Tag – von einigen zugegeben, von anderen verheimlicht -, an dem es anfängt, sich selbst eine quälende, schwierige Frage zu stellen. Sie lautet manchmal: „Ist denn die Gemeinschaft genug?“ Und manchmal bekommt diese Frage einen mehr fatalistischen Unterton: „Ist AA alles, was übrig bleibt?“ Und in anderen Fällen heißt es einfach nur: „Was nun, kleiner Mann, was nun?“

Es kann ein Tag kommen, an dem der gequälte Mensch vor seinem Schreibtisch oder in seinem Büro steht, und er findet die Gründe für seine Fragen, wie folgt:

„AA ist eine Gemeinschaft von kranken Menschen, und ich glaube, es ist ein Nachteil für mich, wenn ich länger dabei bleibe.“
„AA ist immer auf die Neulinge eingestellt. Es gibt keine Möglichkeit für die Oldtimer, weiter zu wachsen.“
„AA ist wirklich eine Art von Subkultur und kann dazu führen, dass su das Wesentliche im Leben verpasst.“

Warum diese Aussagen so fließend über meine Lippen kommen? Weil ich sie mir auch einmal gesagt habe, und weil ich während der ganzen Jahre sowohl diejenigen, die vor mir waren, als auch diejenigen, die nach mir kamen, das Gleiche sagen hörte.
Wenn Sie jemals einige oder alle diese Aussagen hören sollten, so bitte ich Sie sehr: Schieben Sie sie nicht einfach beiseite. Der wirkliche Grund, warum sie hartnäckig wiederkehren, ist der, dass tatsächlich ein Körnchen Wahrheit darin liegt.

Das Schuldgefühl, die Furcht und die Sorge, die solche Gedanken in einem AA-Mitglied erzeugen, kommen meiner Meinung nach hauptsächlich von folgender einfacher Tatsache: Lange bevor wir uns trauten zuzugeben, dass diese Gedanken in unserem Bewusstsein auftauchen, wurden wir von vielen Verteidigern des Vertrauens in die Gemeinschaft ermahnt: „AA ist alles, was du brauchst.“ Es sieht so aus, als ob es ihnen niemals klar würde – auch ihren Zuhörern nicht -, dass nur ein einziges Wort die Dinge wieder ins rechte Licht rücken würde: „AA ist alles, was ich brauche.“ Das ist eine rein persönliche Aussage, die vielen Kraft geben und keinen verunsichern kann.

Nirgends in der gesamten AA-Literatur kann ich einen Beweis finden für die manchmal vermutete und verfochtene Regel, dass AA-Therapie alles ist, wofür sich der genesende oder genesene Alkoholiker jemals interessieren sollte. Und tatsächlich beweist die Geschichte von Tausenden von AA-Mitgliedern genau das Gegenteil. Ich selbst bin mein Leben lang Katholik gewesen, mit unterschiedlicher Intensität und Rechtschaffenheit. Ich war außerdem nach 11 Jahren Nüchternheit in der Gemeinschaft AA jahrelang beim Psychoanalytiker. Aber ich glaube nicht, dass diese Interessen oder Bemühungen sich gegenseitig ausschließen. Ich denke, dass dies alles auf das biblische Wort „Da ist Zeit und Raum für alle Dinge“ hinausläuft. Wenn heute Abend irgendjemand von Ihnen mich um Hilfe wegen seines Alkoholproblems bitten würde, würde ich Sie sicher nicht fragen: „Hätten Sie Lust, nächsten Sonntag mit mir zur Messe zu gehen?“ Ebenso wenig würde ich Sie fragen, ob ich ein Treffen mit meinem früheren Psychoanalytiker arrangieren sollte. Aber sicher würde ich Sie fragen. „Würden Sie mit mir zu einem AA-Meeting gehen?“ – „Da ist Zeit und Raum für alle Dinge.“ Die wirkliche Gefahr liegt meiner Meinung nach in der Vorstellung des genesenen Alkoholikers, dass er notgedrungen AA verlassen muss, wenn er zu einer anderen Lebensweise auf einer anderen Ebene gelangen will. Nichts könnte falscher sein; nichts wäre unnötiger.

Der oft gehörte Schrei „AA ist alles, was Du brauchst“ ist nur der hohle Klang von Furcht – Furcht davor, dass, wenn irgendein Mitglied von dem Glauben abweicht, AA sei die eine, einzige, umfassende und vollständige Antwort auf alle Krankheiten des Alkoholikers, dann alle anderen Mitglieder mit ihm untergehen müssten. Ich klammerte mich einst an die gleiche Einstellung meiner Religion gegenüber. Tatsächlich kam ich zur Gemeinschaft der AA und behielt diese Einstellung stur bei. Wie traurig wäre es gewesen, wenn ich zwar gelernt hätte mich von einer „alten Idee“ zu trennen, nur um sie durch eine neue zu ersetzen.

Diese Suche nach Perfektion, nach der einzigen perfekten Antwort, ist das Kennzeichen für Neurotiker. Seit der Mensch den Garten Eden verlassen hat, ruft er: „Gib mir ein Ritual; gib mir einige Worte; gib mir ein Gebet; gib mir einen Choral, ein Kreuz; gib mir eine Reliquie; gib mir einen Rosenkranz; gib mir ein Mantra; ja, gib mir ein Orakel; gib mir ein Dies und gib mir ein Jenes, solange es nur eine magische oder mechanische Formel ist, die ich berühren oder halten, aussprechen oder vollziehen kann – dann wird alles gut.“

Diesen unrealistischen Maßstab auf die Anonymen Alkoholiker anzuwenden ist dieser Gemeinschaft gegenüber genauso unfair wie es jeder anderen menschlichen Institution gegenüber sein würde oder gewesen ist. Wahre Freiheit liegt in der Erkenntnis und gelassenen Annahme der Tatsache, dass es wohl niemals eine perfekte Antwort geben wird. Und so verbleibt nur eines für jeden Menschen: Erkennen und weitergeben, was bei ihm funktioniert.

Schlussendlich bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ich – wie so viele andere – mich entschlossen habe, bei den AA zu bleiben, weil wir nur dort wirklich die ursprüngliche Erfahrung der Genesung wieder erleben können. Nur hier können wir aktiv teilhaben am täglichen Kampf aller Mitglieder – einem Kampf, der manchmal besser und manchmal schlechter ist, manchmal stark und manchmal schwach – aber immer im Bestreben Menschen zu sein, die ein kleines bisschen besser sind als am Tag zuvor. Wenn Sie Nichtalkoholiker oder kein AA-Mitglied sind, kann ich Sie fast sagen hören: „Na ja, aber der Mann muss ja wissen, dass dieses tägliche Streben auch in anderen Gruppen oder in anderen Organisationen stattfindet“. Natürlich weiß ich das. Ich war und bin teilweise noch ein Mitglied einiger dieser Gruppen und Organisationen. Aber nur in AA kann ich in diesem Ausmaß und mit dieser Intensität teilen, und eben dieses Teilen hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben. Mehr und mehr, mit jedem weiteren Jahr in AA, überall, wohin ich komme und überall, wohin ich sehe: Das Schlüsselwort, der aktivierende Vermittler, der stärkste Katalysator scheint das einfache Wort „Miteinander teilen“ zu sein.

Wie auch immer, wie alle großen Segnungen birgt auch diese Intensität des Teilens, dieses Gefühl eines Alkoholikers für andere Alkoholiker in sich eine ebenso große Gefahr. In einer subtilen Art und Weise dient sie auch dem allgegenwärtigen und nie nachlassenden Bedürfnis des Alkoholikers, sich vom Alltag fernzuhalten und in sich selbst zurückzuziehen. Zu lernen, Teil einer Gruppe, so groß sie auch sein mag zu sein, anstatt seine eigene Ichbezogenheit zu pflegen, ist nur ein Teil der Genesung.
AA wird wahrscheinlich in ihrer Gemeinschaft immer eine Anzahl von Mitgliedern haben, die, in ihrer Angst und ihrem Zorn, aus AA am liebsten ein spirituelles Ghetto machen würden, eine Art Klosterleben, wo Alkoholiker sich verstecken und ihre Wunden lecken können, kindische und defensive Worte prägend wie „Normsies“ („Normale“) und „Alkis“, und von wo aus sie mit anklagenden Fingern auf die Tiger dort „draußen“ zeigen.

Der Tag muss kommen, so scheint es mir, da ein jeder Alkoholiker, innerhalb oder außerhalb der Gemeinschaft schließlich in der Runde seiner Feinde sitzt. Wenn er es tut, wird er erstaunt entdecken, dass er ein Meeting für einen besucht – für sich selbst. Der Tag, an dem der Alkoholiker in AA entdeckt, dass seine Feinde in ihm selbst sind, dass die Tiger größtenteils Kreaturen seiner eigenen Schöpfung sind und in seinem Unterbewusstsein herumschleichen, das ist der Tag, an dem für ihn die Gemeinschaft das wird, was ihre Gründer, wie ich glaube, bezweckten: Ein Start in Richtung Realität.

Als ich einmal in San Francisco war, nicht lange, nachdem ich mein Meeting mit meinen Feinden gehabt hatte, unternahm ich eine Fahrt mit einer dieser netten kleinen Straßenbahnen, die Powell Street hinunter zu Fisherman’s Wharf. Dort ereignete sich etwas Merkwürdiges, aber auch Wunderbares. Alle Passagiere, die mit mir in der Bahn den Hügel hinuntergefahren waren, stiegen aus und, ohne auf die Bedienungsmannschaft zu warten, drehten sie den Wagen um bis er richtig stand, um den langen, steilen Hügel, den wir gerade hinuntergekommen waren, wieder hinaufzufahren. Und ich fuhr mit ihnen den ganzen Weg zurück zu dem atemberaubenden Ausblick auf die „Golden Gate Bridge“.

Es kam mir der Gedanke, das ist es, was AA für mich war und – wie ich hoffte – auch für andere immer sein würde: eine lächerlich einfache, ulkig gebaute, geräuschvolle, nervöse, aber handfeste, heißgeliebte und fröhliche Art von Karre, die mich und alle ihre anderen Passagiere gebeten hat, sie und uns selbst umzudrehen, so dass wir alle wieder den Hügel erklimmen können, den wir heruntergekommen waren, den Weg nach oben – dorthin, wo wir wieder die Brücke sehen würden, die Brücke ins normale Leben.

Wenn ich heute Abend einen Fehler in AA finden könnte, dann wäre es der, dass wir überhaupt noch nicht angefangen haben, das Potenzial, das in den Ietzten acht Worten des Zwölften Schrittes verborgen ist, zu erkennen: „… und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten“.

Vor kurzem ist mir aufgegangen, wann immer ich in einem AA-Meeting sitze, ist mir nicht bewusst, ob ich neben einem anderen Weißen, einem anderen Katholiken, einem anderen Amerikaner sitze oder neben einem Franzosen, Mexikaner, Juden, Moslem, Hindu, Schwarzen oder einem Farbigen. Mir ist nur bewusst, dass ich neben einem anderen Alkoholiker sitze. Und für mich scheint es eine große Bedeutung zu haben, dass ich mir dieses Gefühl für das gemeinsame Mensch-Sein teuer erworben habe durch sehr viel Schmerz und Leid.

Sollte dieses hart erworbene Verständnis und Gespür für andere beschränkt sein auf die Meetingsräume und die AA-Mitglieder? Oder sollte es nicht so für mich sein, dass ich das nehme, was ich gelernt und erfahren habe um – nicht nur in AA, sondern in jedem anderen Bereich und bei jeder anderen Herausforderung in meinem Leben – mich aufzurichten und den mir zustehenden Platz einzunehmen? Darf ich da, in „Gottes Welt“ wissen, ob ich neben einem anderen Weißen, einem anderen Katholiken, einem anderen Amerikaner, oder einem Franzosen, Mexikaner, einem Juden, Moslem, Hindu, einem Schwarzen, einem Farbigen oder sogar einem anderen Alkoholiker sitze? Und kann ich nicht endlich zu guter Letzt – so Gott will – nach Hause kommen von allen Kämpfen und mir im tiefsten Inneren sagen: „Ich sitze neben einem anderen Menschen“?

Meine Damen und Herren, wer würde es wagen, ein Phänomen zu analysieren, ein Wunder aufzuzeichnen oder ein Mirakel zu zerlegen? Die Antwort ist: nur ein Narr. Und ich hoffe, dass ich heute Abend nicht so ein Narr gewesen bin. Alles, was ich versucht habe, ist, Ihnen zu erzählen, wo ich in den letzten 16 Jahren gewesen bin und von einigen Dingen, an die ich durch Erfahrung glauben gelernt habe.

Am nächsten Sonntag wird in vielen unserer Kirchen jener Teil aus dem Matthäus-Evangelium gelesen, der aus der Zeit berichtet, als Johannes der Täufer in Herodes‘ Gefängnis schmachtete und – nachdem er von den Werken seines Cousins Jesus gehört hatte – zwei seiner Jünger zu ihm sandte, um ihm zu sagen: „Bist Du der, der kommen sollte, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Und Christus tat, was Er so oft getan hat. Er antwortete nicht direkt, sondern wollte, dass Johannes die Antwort selber fand. Und so erwiderte Er den Jüngern: „Gehet hin und berichtet Johannes, was Ihr gehört und was Ihr gesehen habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die Frohe Botschaft verkündet.“ Als ich in meiner Kindheit den Katechismus lernte, wurde mir erklärt, dass mit den „Armen“ in diesem Falle nicht nur die Armen im materiellen Sinne gemeint waren, sondern auch die „Armen im Geiste“, jene, die von innerem Hunger und Durst verzehrt wurden, und dass das Wort „Evangelium“ wörtlich „Die Frohe Botschaft“ bedeutet.

Vor mehr als 16 Jahren wirkten vier Männer – mein Chef, mein Arzt, mein Pfarrer und der einzige Freund, den ich noch hatte – einzeln und zusammen auf mich ein, indem sie mich in die Gemeinschaft der AA hineinbugsierten. Wenn sie mich heute Abend fragen würden: „Sag uns, was hast Du gefunden?“, dann würde ich ihnen das antworten, was ich Ihnen jetzt sage:

„Ich kann Euch nur berichten, was ich gehört und gesehen habe: Es scheint, die Blinden sehen tatsächlich, die Lahmen gehen wirklich, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen wirklich auf und immer und immer wieder, inmitten des längsten Tages oder der dunkelsten Nacht, wird den Armen im Geiste die Frohe Botschaft gebracht.“

Gebe Gott, dass es immer so sein möge.

© Copyright AA-Grapevine Inc. New York / Anonyme Alkoholiker Interessengemeinschaft e. V.

Download

×